Gemeinde-Cluster

Seit über 15 Jahren beobachte ich Gemeinden aus der Perspektive eines Pastors. Ich glaube nicht, dass dieser Blick etwas Besonderes ist, aber er ist intensiv, da ich einen großen Teil meines Lebens in diesem Bereich verbringe. So beobachte ich, dass es in jeder Gemeinde, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, eine Handvoll Cluster gibt. Menschen, die bestimmte Haltungen gegenüber der Gemeinde miteinander teilen und so Gruppen bilden. Äußerlich betrachten reden wir oft von „der Gemeinde“ und suggerieren damit, dass alle irgendwie gleich sind, ähnlich über ihre Gemeinde denken und die gleichen Erwartungen an andere Mitglieder oder an die Gemeindeleitung haben. Wer genauer hinsieht stellt fest, dass das nicht stimmt. Bis jetzt habe ich diese Cluster für mich entdecken können:

1. Die Macher
Das sind die, die mit Leib und Seele für ihre Gemeinde brennen und sich gerne einbringen. Sie bringen gern neue Ideen ein und sind auch bereit, sich dafür zu investieren, diese umzusetzen. Sie möchten gestalten und verändern.

2. Die aktiven Teilnehmer
Auch sie haben ein großes Herz für die Gemeinde und engagieren sich gern, sitzen aber auch ganz gern in der zweiten Reihe. Sie müssen keine neuen Ideen und Konzepte entwickeln, lassen sich aber gern begeistern. Wenn man sie braucht und sie kennen den Sinn der Arbeit, dann sind sie dabei. Sie bilden den Kern der Gemeinde und die Macher können sich ganz und gar auf sie verlassen. Zu ihnen gehören auch alle die, die einfach treu jahrzehntelang ihre Pflicht erfüllen. Leider fallen sie häufig nur dann auf, wenn sie nicht mehr da sind oder nicht mehr können.

3. Die passiven Teilnehmer
Das sich jemand in diesem Cluster befindet, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Manchmal schlicht und einfach den, dass er zeitlich und körperlich so ausgelastet ist, dass er sich nicht mehr aktiv in die Gemeinde einbringen kann. Hier finden wir auch die Müden und Belasteten, die Kranken und Trauernden.
Gleichzeitig sind hier auch die Fragenden und Suchenden zu finden. Sie sind sehr offen für den Glauben und beschäftigen sich sehr intensiv damit. Sich aktiv in die Gemeinde einzubringen, fällt ihnen noch schwer, aber sie wollen dazugehören und wahrgenommen werden.

4.Die kritischen Teilnehmer
Sie beobachten das Gemeindegeschehen oft aus einer gewissen Distanz heraus. Aus ihrer Richtung kommen in der Regel die demotivierenden Rückmeldungen zu neuen Ideen. Manchmal kann ihre Kritik sehr offen und erbarmungslos sein, manchmal auch sehr subtil. Erschreckenderweise bilden sie nicht selten die Gruppe der Meinungsmacher und stillen Leiter, denn in der Gemeinde wollen wir alle mitnehmen, alle gewinnen, also auch sie. Wir wollen Frieden und eine „warme“ Atmosphäre – und darum wird ihnen oft nachgegeben und die Gemeinde nach ihnen ausgerichtet.
Nicht selten finde wir hier auch ehemalige Macher, die sich aus unterschiedlichen Gründen zurückgezogen haben.

5.Die Besucher
Es sind die, die vielleicht sogar regelmäßig zum Gottesdienst kommen, aber gleich danach wieder gehen. Sie wünschen sich inspirierende Gottesdienste, aber sie brauchen oder wollen keinen engeren Kontakt.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen verlaufen fließend. Auch wenn für viele Christen oft das eigene Cluster als statischer Standpunkt wahrgenommen wird („so bin ich eben“), wird es sicherlich punktuelle Sprünge geben. Macher werden in Krisenzeiten zu passiven Teilnehmern, manchmal auch zu kritischen Beobachtern oder einfach nur zu neutralen Besuchern. Passive Teilnehmer können schnell aktiv werden, wenn es Themen und Projekte gibt, für die ihr Herz brennt. Auffallend dabei ist, dass die Bewegung von einem aktiven Teilnehmer in die Passivität leichter ist und schneller vollzogen wird, als umgekehrt.

Gemeinde mit diesen Menschen entwickeln, bedeutet, diese Cluster ernst zu nehmen und zu verstehen, dass Menschen innerhalb einer Gruppe andere Bedürfnisse haben, aber auch anders behandelt werden müssen, als die Menschen in anderen Clustern. Einen müden, ausgebrannten Menschen muss ich anders sehen, als jemanden, der immer wieder neue Ideen entwickelt und sie umsetzen will. Beide brauchen die Gemeinschaft mit den anderen, aber auf eine andere Weise. Konkret heißt das für

Für die Macher: Sie brauchen viel Freiheit und Vertrauen der anderen, auch einmal Neues wagen und auch scheitern zu dürfen, ohne dabei ihr Ansehen zu verlieren. Ihnen dabei auch immer wieder einmal Möglichkeiten anzubieten, sich neu inspirieren zu lassen, wird sie noch mehr für die Gemeinde begeistern und unendlich viel Kraft freisetzen.
Auf der anderen Seite brauchen sie auch Menschen um sich herum, die sie reflektieren und auch kritisieren dürfen, ohne den Wert ihrer Arbeit oder ihrer Persönlichkeit dabei zu schmälern.
Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten so daran gewöhnt, dass Gemeinden vor allem für die Schwachen da sind, dass die Starken manchmal übersehen werden. Nicht selten werden sie auch misstrauisch beäugt oder es wird ihnen unterstellt, dass sie nun „die Macht“ an sich reißen wollen, was immer das auch heißen mag.
Macher sind so unendlich wertvoll für unsere Gemeinden. Sie zu unterstützen und zu motivieren, wird einer Gemeinde immer gut tun.

Für die aktiven Teilnehmer: Da sie vor allem verstehen wollen, welcher Sinn hinter einer Arbeit steckt, wird sie nichts mehr motivieren, als dass sich Menschen für sie Zeit nehmen und mit ihnen gemeinsam lernen und entdecken, welchen Platz sie in der Gemeinde ausfüllen können. Wer ihnen auch immer wieder neu Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringt, wird sie auch langfristig als Mitarbeiter und Mitglieder begeistern. Wobei nicht der Lob und die Anerkennung die entscheidenden Punkte sind, sondern tatsächlich die Tatsache, dass diese Menschen ihren Platz in der Gemeinde finden, wo sie gefordert, aber nicht überfordert werden.

Für die passiven Teilnehmer: Hier in zwei oder drei Sätzen aufzuschreiben, was diese Menschen brauchen, wäre unsinnig. Es wird unendlich viele Gründe geben, warum diese Menschen in einer passiven Haltung verweilen.
Grundsätzlich gilt aber, dass sie diejenigen sind, die nicht fragen sollten, was sie für die Gemeinde tun können, sondern wie die Gemeinde ihnen dienen kann. Sie sind diejenigen, die getragen und begleitet werde müssen. Manchmal tut ihnen auch einfach nur Aufmerksamkeit gut oder auch nur das Gefühl, dass sie wirklich ganz und gar dazu gehören, ohne etwas leisten zu müssen.
Diejenigen von ihnen, die zwar der Gemeinde offen, dem Glauben aber fragend und zweifelnd gegenüberstehen, brauchen vor allem unsere Aufmerksamkeit. Sie sollen hören, dass sie dazugehören, auch wenn ihre innere Haltung ganz anders ist als die der Masse. Sie dürfen anders sein.

Für die kritischen Teilnehmer: Auch mit ihrer Kritik können sie oft wertvoll für eine Gemeinde sein – und wenn es darum geht, neue Ideen und Vorhaben selber noch einmal kritisch zu überprüfen und auf geistliche Standfestigkeit hin zu testen. Auf der anderen Seite kann ihre Kritik auch sehr destruktiv und lieblos sein. Darum brauchen sie vor allem geschützte Plattformen, wo sie offen reden können und wo ihnen gezeigt wird, dass sie als Menschen und mit ihren Meinungen ernst genommen werden. Gleichzeitig müssen sie hören, dass sie nicht die Leiter der Gemeinde sind und dass auch ihre Freiheit, Kritik offen zu äußern, Grenzen hat.

Für die Besucher: Sie sind herzlich willkommen und das sollen sie auch immer wieder einmal hören und spüren. Gern dürfen sie die Leistungen der Gemeinde in Anspruch nehmen. Sie hin und wieder auch einmal herauszufordern, einmal über einen Schritt auf die Gemeinde zu zumachen, kann ihnen helfen, ihre Passivität zu verlassen oder zumindest, ihre distanzierte Haltung einmal zu hinterfragen.
Gleichzeitig müssen sie auch hören, dass sie nicht wirklich Teil der Gemeinde sind, sondern eben nur Besucher und somit nicht automatisch einfordern können, dass sie die Vorteile und Aufmerksamkeiten von Mitgliedern erleben.
Theologisch gesehen ist so eine Aussage sicherlich etwas fragwürdig, da jeder Christ Teil der Gemeinde Jesu ist und somit auch immer in einer Ortsgemeinde Zuhause ist. Trotzdem müssen wir irgendwo eine Linie ziehen, zwischen denen, die eine Gemeinde mitgestalten und denen, die sie nur punktuell wahrnehmen. Diese Spannung zwischen voller Zugehörigkeit einerseits und dem Status des Gastes andererseits ist nicht leicht und doch für die Entwicklung der Gemeinde sehr wichtig.

Cluster können uns helfen, einen besseren Überblick über die Menschen in unserer Gemeinde zu bekommen und den unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen zu entsprechen. Natürlich hat diese Zuordnung Grenzen und sollte nicht absolut und zu scharfkantig betrachtet werden. Es geht immer um individuelle Menschen, von denen jeder einzelne in sich von Gott als geniales Ebenbild geschaffen wurde und eine ganz eigene Persönlichkeit mit einem eigenen Charakter und einer ganz eigenen Biografie in sich trägt.

Vergeltung und Versöhnung

Miguel war ein großes Talent. In seinem Land studierte er Medizin, Geografie, Mathematik und Theologie. Er war ein guter Wissenschaftler mit einem hohen Wissensdurst. Als Theologe machte er nur einen Fehler. Seine Ergebnisse waren anders, als die der großen theologischen Elite.
Eine große Diskussion entbrannte, vor allem mit einem Theologen in einem Nachbarland, nur einen Steinwurf von seiner eigenen Heimat entfernt. Briefe wechselten, die Gemüter kochten über. Heute, im 21. Jahrhundert mitten in Europa stellt so etwas kein Problem dar. Wir sind es gewohnt, zu diskutieren und andere Meinungen stehen zu lassen.
In der Kultur, aus der Miguel stammt, sah es anders aus. Der Theologe, mit dem er stritt, wünsche ihm den Tod. Einmal sagte er: „Wenn dieser Mann einmal in meine Stadt kommt, wird er sie nicht mehr lebendig verlassen.“
Miguel nahm diese Aussage nicht ernst genug und reiste. Und kam in die Stadt des anderen Theologen. Dort herrschte eine enge Verbindung zwischen Staat und Religion. Der religiöse Führer war auch gleichzeitig eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt. Er erkannte Miguel und erstattete Anzeige. Er wurde verhaftet und unter Anklage gestellt.
Er kam vor ein Gericht, das für ihn gar nicht zuständig war, mit einer Anklage, die nahezu haltlos war, einer Beweisführung, die jede Rechtstaatlichkeit verspottet und vor einen Richter, der von der Meinung des religiösen Führers abhängig war und im Hintergrund von ihm gesteuert wurde. Das Urteil stand vermutlich schon fest, noch bevor der erste Verhandlungstag begann.
Am Ende wurde Miguel dann auch schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt. Für seine eigene Meinung wurde er bei lebendigem Leib verbrannt.
Miguel hieß mit vollem Namen Miguel Servetus. Er starb 1553. Nicht in einem arabischen Land, sondern in Genf. Der Mann, der für seinen Tod verantwortlich war, war kein moslemischer Fundamentalist, sondern der evangelische Theologe Johannes Calvin. Seine Hinrichtung wurde allgemein als richtig angesehen. Kein anderer Reformator legte Einspruch ein.
Vermutlich nur ein Mann erhob damals seine Stimme. Der Humanist Sebastian Castellio, Professor an der Baseler Universität. In seiner Schrift „Ob Ketzer verfolgt werden dürfen“ nimmt Castellio den Grundgedanken der Toleranz auf und schmettert Calvin und damit allen, die glauben, die reine Lehre durch das Töten eines „Ungläubigen“ verteidigen zu müssen, einen Satz entgegen, der Geschichte geschrieben hat: „Einen Menschen töten, heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten“.

Einen Moslem zu töten heißt niemals eine christliche Lehre zu verteidigen, sondern heißt immer: einen Menschen zu töten. Einen Christen mit einer Bombe zu zerreißen heißt niemals, Gottes Ehre wiederherzustellen, sondern heißt immer: einen Menschen töten.

Einen Menschen zu töten bedeutet niemals, Gott groß zu machen, sondern schwach. Denn ein Gott, der darauf angewiesen ist, dass seine Anhänger ihn beschützen, muss ein schwacher Gott sein. Ein Götze, der sich selbst nicht helfen kann.

Ja, ich leide darunter, dass Blasphemie salongfähig geworden ist und scheinbar zu einer freien Demokratie dazugehören muss. Es tut mir weh, wenn ich höre, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet werden. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn ich Kämpfer des IS sehe, wie sie stolz die toten und geschundenen Körper meiner Geschwister in die Kamera halten. Kinder, Frauen und Männer, die sterben mussten, weil sie Christen sind. Ich kann es schwer ertragen, wenn ein deutscher Dschihadist in einem Interview völlig selbstverständlich davon redet, dass der IS alle Schiiten töten wird, weil sie den falschen Islam leben. Es fällt mir schwer, hier ruhig zu bleiben.
Aber unser Auftrag ist nicht, hier Rache und Vergeltung zu fordern. Weil Gott selbst einen anderen Weg gegangen ist. Dort, wo Christen zu Gewalt und Vergeltung aufrufen, haben sie das Wesen und den Charakter Gottes aus dem Blick verloren.

Die Attentäter von Paris riefen: „Allah akbar“ – Gott ist groß. Das ist richtig, aber der Gott der Bibel ist so groß, dass er bereit war, sich klein zu machen. Er wurde einer von uns. Jesus ließ es zu, dass er in einem dreckigen Viehgehege als Mensch geboren wurde. Seine Kindheit war von Flucht geprägt und in seinem Leben hier schwanke die Stimmung ihm gegenüber ständig zwischen „Hosianna, dem Sohn Davids“ und „kreuzigt ihn“. Er kennt Durst und Hunger, Einsamkeit und Verlassenheit nicht nur aus unseren Gebeten, sondern hat das alles am eigenen Leib ertragen.
Und das alles aus nur einem einzigen Grund. Seine Liebe zu uns trieb ihn in die Abgründe der Menschlichkeit. Seine Liebe zu uns ließ es zu, dass er sich foltern und auslachen ließ.

Nicht, um sich lächerlich zu machen, sondern um sich voll und ganz mit uns zu identifizieren.
Viele Menschen steigen an dieser Stelle aus, weil sie das nicht auf die Reihe bekommen, dass Gott es zulässt, dass Jesus einen solchen Weg gehen musste, um dann am Ende zu sterben. Sie wollen mit einem Gott nichts zu tun haben, der einen Unschuldigen kreuzigen lässt. Dabei müssen wir aber eines im Blick behalten. Nämlich das, was der Apostel Paulus mit nur einem Satz auf den Punkt bringt: „Gott war in Jesus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ Er ließ keinen anderen das alles ertragen, sondern nahm selber den Platz ein. Er war in Jesus.
Für das, was wir heute erleben, bedeutet das:
Er redete das nicht klein, was ihm die Ehre nimmt.
Er schaut nicht weg, wenn Menschen mit Bomben töten, Frauen vergewaltigen oder Kinder entführen.
Das macht ihn zornig, aber seinen Zorn richtete er gegen sich selbst. Er fordert Vergeltung, aber er bezahlte selber den Preis.
Er gab der Welt die Gerechtigkeit zurück, indem er selber die Konsequenzen einer kaputten und verzweifelten Welt trug und ertrug.
Von diesem Gott erzählt die Bibel.
Er braucht niemanden, der seine Ehre verteidigt, weil er seine Ehre selber wiederhergestellt hat, in dem er sich ganz klein gemacht hat.
Sein großes Thema ist nicht Vergeltung oder Rache, sondern Versöhnung. Paulus schreibt, dass Gott uns lebendig gemacht hat. Er hat uns mit sich selbst versöhnt. Er hat uns mit ihm, dem Leben wieder ganz neu verbunden. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als niemand das von uns gewollt hat. Dazu benutzt er die Formulierung: „Als wir tot waren in unseren Sünden.“
Als wir nichts von ihm wollten.
Als wir Gott ignoriert hatten.
Als wir stolz waren auf unsere Argumente, warum man diesem Gott auf keinem Fall trauen darf.
Als wir noch unsere Bomben bastelten.
Da hat er an uns gedacht, uns geliebt und seine Hand ausgestreckt.

Für uns bedeutet das:
1. Versöhnung ist unser zentrales Thema
Gott braucht uns nicht, um seine Ehre zu bewahren. Wir müssen ihn nicht verteidigen oder schützen. Wir sind vielmehr dazu herausgefordert, seinem Weg der Versöhnung zu folgen. Und zwar in alles Facetten. Dazu gehört, dass wir es bekannt machen, dass Gott sich längst mit uns versöhnt hat, aber auch, dass wir selber diese Versöhnung leben. Dass wir andere Menschen als Freunde Gottes behandeln. Ihnen Respekt und Freundlichkeit entgegen bringen, auch denen, die uns im ersten Moment abstoßen und die uns erst einmal anwidern.

Ich werde manches hassen, was Menschen tun, aber die Menschen, die das tun, was ich hasse, sind die Menschen, für die Gott lieber stirbt, als ohne sie zu leben.

2. Weil Gott sich mit uns versöhnt hat, dürfen wir hoffnungsvoll leben.
Die Welt, in der wir leben, ist Gottes Welt. Und auch wenn manches gerade so ganz anders aussieht, ist er derjenige, der diese Welt in seiner Hand hat. Es gibt keinen Kampf mehr zwischen Gut und Böse, auch wenn es noch so viel Böses gibt, aber es steht fest, dass Jesus Sieger ist. Wir dürfen auf die Welt hoffen, die einmal so sein wird, wie Gott sie sich gedacht hat. Das ist keine fromme Utopie, kein klerikales Wunschdenken oder ein geistliches Hirngespinst, sondern eine Realität, auf die wir zugehen.

3. Offenheit und Freiheit sollten das sein, was uns ausmacht
Gerade weil wir selber Menschen sind, die von Schuld befreit wurden und von Gott angenommen sind, dürfen wir diese Freiheit leben und verkündigen. Unsere Welt ist dichter geworden und wir werden konfrontiert von Einflüssen, die eine bedrohliche Wirkung auf uns haben. Die Massenproteste im Rahmen von Pegida zeigen, wie groß die Angst von vielen Menschen ist, dass ihnen das genommen wird, was ihnen wertvoll ist. So groß, dass es zu irrationalen Kurzschlussparolen und Massenbewegungen kommt. Die Ängste sind da, aber wir können ihnen offen begegnen und müssen uns nicht abschotten oder Menschen den Zutritt zu unserem Land und Reichtum verweigern, nur weil sie anders sind.
Konkret heißt das auch: Ich darf angstfrei Brücken schlagen zu denen, die so ganz anders sind. Die anders glauben, die einen völlig anderen Lebensentwurf haben und deren Werte jenseits dessen liegen, was ich als gut und richtig wertschätze.
Wir müssen uns nicht zurückziehen in eine fromme Welt hinter verschlossen Kirchentüren, sondern dürfen versöhnt in der Welt leben, die uns umgibt, mit den Menschen, die Gott uns hier in Marburg zur Seite gestellt hat.

4. Wir sind herausgefordert, das zu betonen und sichtbar zu machen, was unseren eigenen Glauben ausmacht
Gerade dann, wenn wir darunter leiden, dass im christlichen Abendland gerade die Sonne untergeht und wir Angst davor haben, dass wir auf eine nachchristliche Kultur entgegen gehen. Gerade dann sind wir herausgefordert, unseren eigenen Glauben zu stärken. Christus wird nicht dadurch in unserer Gesellschaft sichtbar, dass wir uns zurückziehen oder indem wir andere Religionen schlecht machen, sondern dadurch, dass wir mutig und respektvoll dafür eintreten, woran wir glauben.
Und da geht es um die Frage, wie Gott sich tatsächlich in der Bibel uns offenbart und weniger um das, was wir da gern hineininterpretieren oder wie wir uns unseren persönlichen Gott zurechtglauben.
Wir müssen selber verstehen, wer und wie Gott ist, um über ihn reden zu können. Dazu brauchen wir den Austausch untereinander. Wir brauchen Menschen, die uns die Bibel auslegen und wir brauchen Menschen, die uns kritisch hinterfragen.

Wir erleben heute eine Zeit der Ablehnung. Menschen gehen auf die Straße, um gegen eine scheinbare Islamisierung mit Sprechchören und Plakaten zu demonstrieren. Noch wird vor allem demonstriert.
Gleichzeitig hören wir, dass IS-Kämpfer aus dem Krieg in Syrien nach Deutschland zurückkehren mit dem Auftrag, hier ihre Bomben zu zünden und Menschen zu töten. Das macht uns Angst.

Die Kirchengeschichte hat gezeigt, dass auch wir Christen in der Lage sind, ein furchtbar verzerrtes Bild Gottes in unserer Welt zu zeigen. Miguel Servetus ist nur ein Name unter vielen. Wir haben viele blutige Katastrophen angerichtet und sind an Menschen schuldig geworden.
Aber gerade jetzt haben wir die Chance, die Kirchengeschichte weiterzuschreiben und dafür zu sorgen, dass wir die Fehler unserer Vorgänger nicht wiederholen. Wir haben die Möglichkeit, das Wesen und den Charakter Gottes sichtbar zu machen. Damit seine Liebe und Gerechtigkeit unsere Stadt und unser Land erhellt.

Eine Anmerkung zum Schluss:
Gern kannst du dir den Text auch als PDF-Dokument herunterladen. Bitte beachte nur, dass alle Rechte für diesen Text bei mir (Stefan Piechottka) bleiben und ich jeder Veröffentlichung ausdrücklich zustimmen muss.

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Als die Kämpfe begannen

Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie Gemeinden innerlich oder äußerlich verfallen, wenn Christen gegen Christen hetzen. Wir haben die beste Botschaft der Welt und drehen uns oft genug imm Kreis. Diese Langeweile wird gefüllt werden, oft mit Erbsenzählen oder stundenlangen Diskussionen darüber, welche Farbe die neuen Häkelgardinen bekommen sollen.
Heute habe ich entdeckt, dass das alles scheinbar tief in unseren Genen verankert sein muss. Eusebius beschreibt im 3. Jahrhundert n.Chr. die Situation der Christen in Cäsarea. Er redet davon, dass Christen unglaublich angesehen waren im Volk und immer mehr Menschen zu den Gottesdiensten kamen.

Dann aber geschah es:

“Deswegen begnügten sie sich keineswegs mehr mit den vor Zeiten errichteten Gebäuden, sondern erbauten in allen Städten von den Fundamenten an weiträumige Kirchen. Aber aufgrund der immer größeren Freiheit veränderten sich unsere Angelegenheiten in Richtung auf Hochmut und Trägheit.
Wir wurden aufeinander bitter eifersüchtig und bekämpften uns gegenseitig beinahe, wenn sich die Gelegenheit bot, mit Waffen und Speeren, die aus Worten geschmiedet waren.”

Es scheint zu stimmen: Erst gestalten wir unsere Gebäude, dann gestalten unsere Gebäude uns. Freiheit führt nicht automatisch dazu, Kreativität freizusetzen, sondern macht uns eher träge und hochmütig.

Wir brauchen in Europa keine neue Christenverfolgung, um aufzuwachen, aber vielleicht hilft es uns, wenn wir uns mehr mit der Situation von Christen auseinander setzen, die nichts mehr haben und verfolgt werden, um zu verstehen, was für ein Reichtum uns anvertraut wurde.

Von den Alten lernen

Manche Gemeinden, die das Seniorenalter schon lange hinter sich haben, haben einen großen Vorteil gegenüber jungen Gemeinden: Sie schauen auf viele Jahrzehnte zurück, in denen sie viele Dinge gut gemacht haben, aber in denen sie auch so manche falsche Entscheidung getroffen haben. Warum nicht voneinander lernen? Hier kommen sieben Lebensweisheiten von den Alten an die Jungen.

1. Redet deutlich darüber, wohin ihr als Gemeinde unterwegs seid, besonders mit denen, die neu dazu kommen
Wir haben diesen Fehler oft genug gemacht. Unsere Gründergeneration hatte eine klare Vision und eine unglaubliche Leidenschaft. Wir, die nach ihnen kamen, waren von ihrer Leidenschaft oft so begeistert, dass wir heute noch davon reden, aber wir haben oft nicht scharf genug gesehen, was sie sehen konnten. Heute „machen“ wir Gemeinde, irgendwie wie früher, weil es damals ganz gut lief und doch ganz anders. Oft merken wir nicht, dass wir auf der Stelle stehen und nicht wissen, wohin wir wollen, weil wir unsere Profillosigkeit mit der Pflege von Traditionen tarnen. Wir haben Angst, etwas ganz neu zu machen und manches neu zu denken, weil wir Angst haben, das zu verlieren, was uns ausmacht, was immer das auch ist.

2. Denkt früh genug darüber nach, was passiert, wenn euer Gründer einmal weiterzieht
Wir hatten oft sehr starke und innovative Gründer. Sie haben sich unglaublich investiert. Als sie gingen, blieb oft eine Lücke zurück. Wir haben nie gelernt, selber Verantwortung zu tragen und es war nie nötig, selber so eine brennende Leidenschaft zu entwickeln, weil ja alles perfekt lief. Wir haben dann den Gründer einfach gegen einen Gemeindeleiter oder einen Pastor ersetz, der in seine Fußstapfen treten musste. Viele von ihnen sind heute ausgebrannt, weil die Gemeinde weiter wuchs und niemand da war, der sie entlastet hat. Außerdem wussten wir genau, was ein Mensch alles leisten kann, denn wir hatten es bei unserem Gründer gesehen.
Bitte wiederholt den Fehler nicht. Ein guter Gemeindegründer sollte sich nach und nach so zurückziehen, dass er nicht mehr gebraucht wird und nach und nach seine Arbeit und Verantwortung an andere verteilen, sie begleiten, motivieren, für sie beten und dann weiterziehen.

3. Macht wenig, aber das macht gut
Wir haben heute ein unglaublich buntes Gemeindeprogramm, für alle Generationen und für jede Lebenslage. Die Gemeinde, die nur ein paar Straßen von uns entfernt liegt, hat fast ein identisches Programm. Ganz ehrlich? Das ist unglaublich anstrengend und wir sehen uns auch ein wenig als Konkurrenten. Unsere Mitglieder arbeiten hart daran, dass der Betrieb aufrecht erhalten kann. Manchmal brennen unsere Leute aus, weil sie Beruf, Familie und Gemeinde nicht mehr unter einen Hut bekommen. Viele von ihnen ziehen sich für eine „Auszeit mal ein paar Wochen zurück“ – und sitzen dann oft jahrelang in der letzten Reihe im Gottesdienst.
Macht das, was wir gut könnt und lasst euch noch genügend Zeit, um einfach Zeit miteinander zu verbringen, um miteinander zu feiern, Freundschaften zu pflegen und miteinander nach vorne zu denken. Dass ihr Gemeinde Jesu seid, wird an eurer Liebe untereinander erkennbar sein, nicht an euren Programmen.

4. Nehmt eure Gebäude nicht so wichtig
Rückblickend ist das eigentlich ziemlich albern, aber wir haben tatsächlich geglaubt, dass wir erst dann eine „richtige“ Gemeinde sind, wenn wir ein eigenes Gebäude haben. Wir haben lange dafür gespart, Monate bis Jahre für die Planung verbracht, miteinander gestritten und dann unsere letzten Kräfte auf der Baustelle gelassen. Manche Gemeinden sind darunter zerbrochen und viele sind bis heute so über beide Ohren verschuldet, dass sie keinen finanziellen Spielraum mehr haben. Wir haben unsere Gebäude oft zu klein oder zu groß gebaut und ärgern uns immer noch sehr darüber.
Wir hätten öffentliche Gebäude für wenig Geld mieten können. Wir hätten eine Kooperation mit einer anderen Gemeinde eingehen können. Wir hätten früh genug unsere Gemeinde in kleine Gruppen unterteilen und sie über die ganze Stadt verteilen können. Aber wir haben auf die gehört, die uns das Bild von einer Megachurch vor Augen gemalt haben.
Erst haben wir als Gemeinde unsere Gebäude gestaltet. Heute gestalten die Gebäude unsere Gemeinden.

5. Überlegt einmal gemeinsam, wie ihr mit dem Geld umgeht, das ihr spendet
Viele unserer Gemeinden stehen finanziell schlecht da. Wir kommen gerade so über die Runden. Dabei haben unsere Mitglieder oft hohe Einkommen und sie geben auch viel, aber jeder dorthin, wo er es für richtig hält. In den letzten Jahren sind so viele neue Spendenwerke entstanden und wir werden so gut aus allen möglichen Richtungen darüber informiert, wer noch alles unsere Unterstützung braucht. So bekommt dann jeder immer zu wenig.
Wenn wir noch einmal beginnen würden, dann würden wir hier offen reden. Vielleicht würden wir unseren Leuten den Vorschlag machen, dass jeder seinen 10. (oder wie viel er auch immer geben will) der Gemeinde gibt und wir dann zusammen überlegen, wie wir das Geld sinnvoll weiterverteilen. Damit könnten wir effektiver etwas bewegen und hätten vermutlich selber mehr Mittel zur Verfügung.

6. Behaltet die anderen im Blick
Wir waren so stolz auf uns. Wir hatten das beste Programm, den größten Bläserchor und den perfekten Pastor. Wir brauchten niemanden neben uns und die anderen Gemeinden haben uns nicht interessiert. Wir hatten ja alles. Wir haben nicht mitbekommen, dass andere Gemeinden gestorben sind, weil wir ihnen die Mitarbeiter nahmen, die dann bei uns zu Zuschauern wurden. Heute sehen wir, dass wir so viel mehr hätten erreichen können, wenn wir uns mit ihnen vernetzt hätten und wenn wir uns gegenseitig ergänzt hätten. Dafür ist es heute zu spät.

7. Lebt aus eurem Glauben, nicht aus euren Programmen
Ja, wir haben uns gefunden, weil uns unser Glaube an Jesus verbunden hat. Zumindest am Anfang. Dann drehte sich aber alles mehr und mehr um unsere tollen Programme und unsere unterhaltsamen Predigten. Heute streiten und diskutieren wir vor allem darüber, welcher Musikstil der richtige ist, welche Instrumente in einen Gottesdienst gehören und ob es möglich wäre, die Bibelstunde von Donnerstag auf Mittwoch zu verlegen.
Würde Jesus heute unsere Gemeinde verlassen, wäre das ein herber Schlag, aber wir kämen damit klar und würden einfach so weitermachen, wie bisher.
Bitte bleibt dabei, das ihr euch fragt, wie ihr am besten euren Glauben leben und ausdrücken könnt. Nehmt eure Programme, euren Stil und eure Musik nicht so wichtig und bleibt bereit, das alles zu ändern, wenn es nötig ist.

Ihr seid so wertvoll für die Menschen in eurer Umgebung.

Neues wagen praktisch, Teil 2

Auf meinen letzten Post hin, habe ich zwei Mails bekommen mit der Bitte, hier noch ein wenig mehr über das ganze Drumherum von so einem Tag zu schreiben.

Der Ablauf orientiert sich grob an den Prinzipien von Organisationskonferenzen. Typisch für sie sind:

1. Das ganze System wird in einen Raum gebracht

Es sollte entweder die ganze Gemeinde dabei sein oder aber zumindest aus jeder Gruppe der Gemeinde ein paar Vertreter, so dass diejenigen, die an so einem Tag teilnehmen, auch tatsächlich repräsentativ für die Gemeinde stehen.

2. Eigenverantwortung und Selbstorganisation

Jeder Teilnehmer ist für das Gelingen des Tages mitverantwortlich. Er ist weder Zuschauer, noch Besucher, sondern immer Teilnehmer. Das drückt sich u.a. dadurch aus, dass jeder immer wieder auch einmal kleinere Aufgaben (Gruppenleitung, Zeitnehmer usw.) übertragen bekommt. Auch hat jeder die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Soviel Freiheit muss ein.

3. Vorrang vor dem Gemeinsamen gegenüber dem Trennenden

In den Gesprächen soll nicht herausgearbeitet werden, wo die größten Konflikte herrschen, sondern wo sich eine Gemeinde einig ist und gemeinsame Ziele formulieren kann. Trennendes und Blockarden können aufgeschrieben und an einer anderen Stelle behandelt werden, aber nicht an so einem Tag.

4. Fokus auf die Zukunft

Es geht nicht darum, die „gute alte Zeit“ zu neuem Leben zu erwecken oder darum zu überlegen, wo wir heute stehen, sondern wohin wir wollen. Wie soll unsere Gemeinde in 3 Jahren aussehen? In der Gesprächsführung sollte darum auch immer darauf geachtet werden.

5. Die Konzentration liegt auf den Ressourcen und den Lösungen

Ähnlich wie unter 3. geht es auch hier darum nicht zu überlegen, was man eh nicht schafft, sondern darum, die Mittel einzusetzen, die eine Gemeinde hat, einzelne Kräfte zu bündeln und kraftzehrende Dinge einmal sein zu lassen.

6. Das System bleibt im Blick

Die ganze Gemeinde als komplexes System soll dabei im Blick behalten werden, nicht nur einzelne Gruppen. Was passiert, wenn wir in die Jugendarbeit investieren für andere Gruppen, wenn dort nun die Mitarbeiter oder das Geld fehlen?

 7. Es geht vor allem um einen gemeinsamen Dialog

Vergesst lange Vorträge, auch wenn eure Impulse so wertvoll sind, dass ihr damit die Welt retten könnt. Menschen, die miteinander reden, sich verstehen wollen und miteinander an einem Ziel arbeiten, werden viel mehr erreichen. Jemand, der mit dem Gefühl nach Hause geht „ich wurde ernst genommen“ oder „ich durfte einmal sagen, was mich bewegt“, wird viel motivierter sein, als jemand, der 4 Stunden einem Fachvortrag zugehört hat.

8. Emotionen gehören fest dazu

Ängste, Wut, Zweifel, Hoffnungen und alles andere gehören fest dazu, nicht nur die nüchternen Planungen und sachlichen Überlegungen. Ich darf sagen, wovor ich Angst habe und worüber ich mich freue.

9. Veränderungen und Entscheidungen sollen möglichst sofort umgesetzt werden

Wenn schon die ganze Gemeinde zusammen ist, dann sollte sie sich von vornherein darauf verständigen, dass an diesem Tag  auch wirklich Punkte angedacht werden, die umgesetzt werden sollen und nicht nur ein paar Ideen ausgetauscht oder alles an einen Arbeitskreis delegiert werden soll. Das endet nur damit, dass alles wieder versandet.

10. Kein Event, sondern ein Prozess

Trotzdem wird so ein Treffen immer weitere Gesprächsgänge nach sich ziehen, um miteinander nach und nach Ziele zu erreichen.

 11. Gebet und Hören auf Gott ist ein fester Bestandteil eines solchen Prozesses, kein Anfangsritual

Ok, diesen Punkte wirst du relativ selten in der Fachliteratur finden, mir ist er aber ganz wichtig. Wir reden immer über die Gemeinde Jesu, für die er uns die Verantwortung übertragen hat. Er bleibt der Herr und wenn wir darüber reden, wohin die Reise der Gemeinde gehen soll, dann muss unsere Bitte lauten: „Zeige und die Wege, die du segnest“ (statt: „segne unsere Wege, die wir dir zeigen“). Gebetszeiten an so einem Tag sorgen dafür, dass wir unseren Blick auf Jesus ausrichten und sensible für sein Reden bleiben.

Noch ein Satz dazu, wer so einen Tag leiten sollten: Der, der das am besten kann. Also die- oder derjenige, der das Vertrauen der Gemeinde besitzt und in der Lage ist, Gespräche zu moderieren und dabei die Ziele im Blick zu behalten. Manchmal kann es sinnvoll sein, hier einen externen Berater oder eine Beraterin ins Boot zu holen. Sie oder er hat den nötigen Abstand und steht nicht im Verdacht, alles in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen. Auf der anderen Seite hat vielleicht auch die Gemeindeleiterin, der Pastor oder sonst wer das nötige Vertrauen, dass andere sich leiten lassen. Falls sich niemand in der Gemeinde findet, ist das ein guter Moment, um auch einmal darüber nachzudenken, woran das liegt.

 

Wenn du dich noch etwas mehr in das Thema Organisationskonferenzen eingraben willst, kann ich dir diese beiden Bücher sehr empfehlen:

Einführung in Großgruppenmethoden

Das Buch ist eine sehr schöne und knappe Einführung in das Thema.

und:

Change Handbook. Zukunftsorientierte Großgruppen-Methoden

Hier werden viele unterschiedliche Methoden beschrieben und vor allem: du kannst ganz leicht nachlesen, welche Methode für welche Situation geeignet ist.

 

Neues wagen in der Praxis

Ich habe am Wochenende zum ersten Mal ein kleines Tool eingesetzt, das mich begeistert hat. Meine Aufgabe bestand darin, Mitglieder einer altgewordenen Gemeinde miteinander ins Gespräch über ihre Gemeinde zu bringen – und zwar so, dass nicht das Jammern und Klagen im Mittelpunkt steht, sondern dass die Teilnehmer Spaß daran haben, darüber zu reden und nachzudenken, wie die Zukunft aussehen soll.

Das Ding ist jetzt weder eine Geheimwaffe noch ein Kandidat für den nächsten Nobelpreis in Gemeindeentwicklung, aber ich finde es wirklich hilfreich und darum möchte ich es gerne teilen. Falls es jemand von euch einsetzt, wäre ich euch sehr dankbar, mir einmal eine Rückmeldung zu schicken, wie es bei euch lief.

Die Grundidee

Mir ist aufgefallen, dass in vielen Gemeinden, die zu der Denomination gehören, in der ich arbeite, Gebäude wichtig sind. Ich habe viele Chroniken gelesen und es ist erschreckend, wie viele Zeilen dafür verwendet werden, haargenau den Bau der Gemeinde zu beschreiben. In unzähligen Mitgliederversammlungen wird darüber geredet und gestritten, wie die nächsten Umbaumaßnahmen umgesetzt werden sollen und ob es nicht mal wieder Zeit für neue Gardinen ist. Außerdem müsste noch über den Putzplan und die Frage gesprochen werden, wer im Herbst das Laub ums Haus entfernt. ausserdem soll doch bitte mehr darauf geachtet werden, dass immer gleich abgespült  und dass unter der Kellertreppe nichts abgestellt wird. Kurz gesagt: Am Anfang gestaltete die Gemeinde ein Haus und am Ende gestaltet das Haus die Gemeinde.

Also: Weg mit der Hütte. Was wäre, wenn es das Haus nicht mehr gibt? Wie fühlt sich das an, was bleibt von der Gemeinde übrig und wie soll die Zukunft aussehen?

 

Die Umsetzung

Die Teilnehmer werden mit dieser Geschichte konfrontiert:

„Stell dir einmal diese Situation vor: An einem Sonntagmorgen möchtest du zum Familiengottesdienst kommen. Als du auf dem Gelände der Gemeinde eintriffst, siehst du ein paar Feuerwehrwagen. Blaulicht flackert, Feuerwehrmänner hantieren an ihren Fahrzeugen. Du parkst deinen Wagen und gehst den weg hoch. Dort, wo gestern noch das Gemeindehaus stand, siehst du jetzt nur noch eine verkohlte Ruine. Das Haus ist abgebrannt.“

 

Zunächst soll jeder für sich über diese Fragen nachdenken (sag’ es keinem, aber die Fragen stammen aus dem Anti-Aggressionstraining):

  1.  Was empfindest du beim Anblick der Ruine?
  2. Was beobachtest du, was die anderen Gemeindemitglieder machen? Was denken sie? Wie reagieren sie?
  3. Welche Bedürfnisse sind bei dir nicht abgebrannt und sind jetzt unerfüllt?
  4. Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Zeit: ca. 30 Minuten

Anschließend sollte viel Zeit (ca. 1,5 Stunden)  zum Reden und Austauschen sein. Es wird vermutlich Menschen geben, die so einen Brand sehr befreiend finden werden und andere, die zutiefst trauern und verzweifelt sein werden. Diese Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und es zu schaffen, dass sie sich verstehen, kann ein echter Meilenstein werden.

Im nächsten Schritt geht es dann um die Frage, wie es weitergehen soll. Dazu bekommen die Teilnehmer vier Optionen vorgestellt. Sie sollen sich für eine entscheiden und dann in Gruppen jeweils über diesen Punkt und die dazugehörigen Fragen reden. Dazu wählen sie einen Gesprächsleiter, jemanden, der hinterher die Ergebnisse präsentiert und jemanden, der darauf achtet, dass die vorgebende Zeit (45 Minuten) eingehalten wird.

Das ist die Situation:

„Nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung ein wenig gelegt und jetzt geht es um die Frage, wie es mit der Gemeinde weitergehen soll. Die Versicherung hat signalisiert, dass sie für den Schaden aufkommen wird. Geld ist also da. Womit allerdings niemand gerechnet hat: Aufgrund einer Formulierung in der Satzung ist mit dem Abbrennen des Hauses auch gleichzeitig die Gemeinde erloschen. Es gibt die Gemeinde nicht mehr.

Welche Schritte sollen deiner Meinung nach nun gegangen werden? Es gibt drei Optionen:

1.     Neu anfangen irgendwo anders. Eine neue Gemeinde entsteht.
(Was dahinter steckt: Mit der alten Tradition wird gebrochen, aber man will zusammenbleiben) 

Würdet ihr gleich ein neues Haus bauen? Wenn ja:

i.     Wo würdest du am liebsten neu bauen?

ii.     Wie müsste das Haus aussehen?

Wenn nicht,

i.     Wo würdet ihr euch treffen?

ii.     Wie würdet ihr das Gemeindeleben gestalten?

An welche Bedingungen knüpft ihr die Mitgliedschaft? Wer darf mitmachen?

2.     Am selben Ort neu bauen, worauf würdet ihr achten?
(Was dahinter steckt: Das, was war, soll wieder so sein, mehr oder weniger) 

  1. Was würdet ihr anders machen als bisher?
  2. Wie müsste die Gemeinde aussehen?
  3. Was würdet ihr so wieder machen, was würdet ihr gern zurücklassen?
  4. An welche Bedingungen knüpft ihr die Mitgliedschaft? Wer darf mitmachen?

3.     Du gehst weg, in eine andere Gemeinde und schließt dich ihr an.
(Was dahinter steckt: Der komplette Ausstieg aus der Tradition und ein Bruch mit den Menschen, mit denen man bisher zusammen war) 

  1. Wie müsste sie sein, damit du dich dort wohl fühlst?
  2. Was wünschst du dir von so einer Gemeinde?

Zum Schluss präsentieren alle Gruppen ihre Ergebnisse. Das dauert noch einmal so gut eine Stunde. Verständnisfragen sollen gestellt werden, aber achte darauf, dass die einzelnen Gedanken und Wünsche nicht diskutiert oder in richtig oder falsch eingeteilt werden.

In einer Abschlussrunde arbeitet ihr heraus, was euch an diesem Tag aufgefallen ist und was ihr davon umsetzen wollt. Vielleicht helfen euch dabei diese Fragen:

  •  Was ist für euch als Gemeinde wichtig? Versucht einmal vier zentrale Begriffe zu formulieren.
  • In wie weit hat dieser Tag euren Blick für eure Gemeinde verändert?
  • Was könnt ihr von diesem Tag lernen?
  • Was könnt ihr umsetzen?

Wichtig ist, dass ihr einen Moderator habt, der die Grundlagen der Gesprächsführung beherrscht (Nachfragen, Spiegeln, Zusammenfassen, Ausgewogenheit bei den Redebeiträgen usw.).

Achtet darauf, dass ein repräsentativer Kreis der Gemeinde vorhanden ist. Also entweder alle oder zumindest Leute aus allen Altersgruppen. Nehmt euch Zeit und nehmt euch auch Zeit für Pausen.

 

Ich lebe im Samstag

Ich lebe im Samstag

gestern war Freitag

Es war kein schöner Tag.

Stundenlange Dunkelheit.

Seit Tausenden von Jahren.

Ihr blödes, sinnloses Lachen,

die immer noch viel zu vielen Worte.

Der ganze Hass,

der hinter der aufgesetzten Frömmigkeit

versteckt war.

Seine Schmerzen.

Das ganze Blut.

Der Tod.

Sein Tod.

Die ganze Gottlosigkeit.

Seine Gottlosigkeit.

 

Das war gestern.

Heute ist Samstag und

morgen Sonntag,

aber manchmal vergesse ich das..

Wenn ich meinen Wocheneinkauf mache

den Wagen belade und hoffe, ich bekomme alles in die Faltkörbe

und nur aus dem Augenwinkel den Penner sehe,

der sich das Geld für den billigen Korn zusammen schnorrt

die Frau, bei der du auf dem ersten Blick in ihren Einkaufswagen siehst,

dass sie die Feiertage wieder alleine verbringen wird.

Abends, wenn ich mit Chips und Bier auf dem Sofa mir den Bericht

von dem Fährunglück anschaue

und ich den Fernseher etwas lauter machen muss, weil das Geschrei nebenan

wieder viel zu laut ist.

Wenn ich zu Hause die Heimatlosigkeit spüre

und umgeben von Freunden weiß, wie einsam ich bin.

Dann erinnere ich mich wieder, dass erst Samstag ist.

 

Aber ich weiß von Sonntag.

Es soll ein schöner Tag werden.

Vielleicht beginnt es wieder mit Fassungslosigkeit.

Damit, dass ich sehe, dass plötzlich ist, was nicht sein kann.

Mein leeres Grab.

Aber Freude wird sich breit machen.

Frieden.

 

Morgen ist Sonntag.

 

Lebendige Gemeinde

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit der Frage, ob man die Lebendigkeit einer Gemeinde messen kann. Und ja, ich setze mal vorsichtig Lebendigkeit mit Gesundheit gleich. Wobei eine Gemeinde für mich auch dann noch gesund ist, wenn sie mal die eine oder andere Macke hat. Bei uns Menschen ist das ja auch nicht anders. Ich habe zum Beispiel schlechte Augen, keine perfekten Zähne und neige zu einem verspannten Nacken, würde mich aber trotzdem als gesund bezeichnen.  Ich bin lebendig. Ich kann agieren, ich kann mich verändern, Neues wagen, feiern, arbeiten und nachts meistens schlafen.

Ich beobachte gerne Gemeinden, versuche sie zu verstehen und bin in der Regel davon begeistert, was für unterschiedliche Formen sie da annehmen können. Manchmal bin ich traurig, weil ich sehe, dass sich Gemeinden schnell aufgeben und davon überzeugt sind, dass sie demnächst sterben werden, sie also nicht mehr lebendig sind oder zumindest sterbenskrank.

Woran machen wir so etwas eigentlich fest, dass eine Gemeinde lebendig oder tot ist? Ja, ich weiß, Christian A. Schwarz hat die Frage schon vor ein paar Jahren geantwortet. Für ihn sind zweckmäßige Strukturen, gabenorientierte Mitarbeiterschaft, inspirierende Gottesdienste,  ganzheitliche Kleingruppen entscheidenden Faktoren. Und vermutlich passen seine Überlegungen auch sehr gut für einen ganz bestimmten Typos von Gemeinde.

Im Augenblick finde ich einen Ansatz von Robert Warren allerdings spannender. Vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass er auch kleinen Gemeinden gerecht wird.

Gleichzeitig beruft er sich auf Schwarz und sieht seine Eindeckungen als eine Fortführung vom großen Meister der modernen Gemeindeentwicklungsforschung.  Basis seiner Überlegungen ist eine Untersuchung von englischen Gemeinden, von denen man annahm, dass sie in den nächsten Jahren eingehen würde, die das aber scheinbar nicht gewusst haben und darum einfach aufgeblüht sind. Warren hat sieben (! J) Kennzeichen ausgemacht, die für diese Gemeinden typisch sind:

1.     Sie leben aus ihrem Glauben heraus

Entscheidend sind gar nicht mal die Strukturen oder die Frage, ob sie einen inspirierenden Gottesdienst haben. Wichtig war für sie die Frage nach der Quelle. In ihren Gemeinden bekommen Menschen den Raum, Gottes Liebe hautnah zu erfahren. Ihre Kraft beziehen sie aus dem Wunsch, Gott und sich gegenseitig zu dienen und Menschen bekommen in diesen Gemeinden die Möglichkeit, im Glauben zu wachsen und diesen Glauben weiterzugeben.

2.     Sie richten den Blick nach außen

Sie sind als Gemeinde mit ihrem Ort verwurzelt. Sie arbeiten mit anderen Institutionen fest zusammen. Leidenschaftlich setzen sie sich für Gerechtigkeit und Frieden ein – lokal und global. Dadurch stellen sie eine enge Verbindung zwischen ihrem Leben und ihrem Glauben her. Sie antworten diakonisch aus die menschlichen Bedürfnisse um sie herum.

3.     Sie wollen unbedingt herausfinden, was Gott von ihnen will

Sie fragen sich gemeinsam und jeden einzelnen: Was hat Gott mit uns vor? Wozu sind wir berufen? Dabei arbeiten sie an einer Vision für die Zukunft. Sie schauen nach vorne, statt sich ständig um die Vergangenheit zu drehen. Missionarische Perspektiven werden entwickelt. Es geht nicht nur um einzelne punktuelle Projekte, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, sondern um langfristige Pläne. Dabei fordern sie von ihren Mitgliedern auch Opfer, zeitliche und finanzielle.

4.     Sie stellen sich dem Preis der Veränderung

Zwischen den Zeilen höre ich oft den Satz: „Es soll alles besser werden, aber es darf sich nichts verändern.“ Das funktioniert leider nicht. Jede Veränderung hat leider ihren Preis. Eine vitale Gemeinde, so Warren wird Neues wagen und Altes hinter sich lassen. Sie wird Risiken in Kauf nehmen. Sie wird auf Veränderungen in ihrer Gemeinde und in ihrer Umwelt reagieren, statt zu resignieren.

5.     Sie handelt als Gemeinschaft

Beziehungen sind hier wichtig. Sie leben als Freunde und nicht als Funktionäre zusammen. Diese Beziehungen werden nicht nebenbei gepflegt, sondern sie verwenden viel Zeit und Mühe darauf, miteinander in die Tiefe zu wachsen. Ehren- und Hauptamtliche verstehen sich dabei als Team.

6.     Sie schaffen Raum für alle

Neue Besucher oder Mitglieder werden willkommen geheißen und es wird viel Zeit damit verbracht, ihnen deutlich zu machen, dass man sich wirklich freut, dass sie da sind und damit sie schnell ein fester Teil der Gemeinschaft werden. Kinder und Jugendliche gehören zur Gemeinde fest dazu. Man macht nicht nur Arbeit für die Kinder, sondern mit ihnen zusammen. Jugendlichen wird viel Freiraum auch im Gottesdienst gegeben.

Diese Gemeinden haben eine große Sehnsucht danach, Menschen aus viele Nationen und sozialen Hintergründen bei sich willkommen zu heißen.

7.     Sie machen wenig, aber das, was sie tun, machen sie gut

Sie konzentrieren sich auf die wesentlichen Veranstaltungen einer Gemeinde: Gottesdienste, Bibelstunden, Hauskreise. Statt sich in einer Angebotsvielfalt zu verlieren, um dann nur noch Kraft zu haben, alles halbherzig zu tun, legen sie in die wenigen Dinge ihre ganze Leidenschaft. Sie freuen sich über die Dinge, die sie tun und haben eine große Gelassenheit im Blick auf die Dinge, die sie weglassen.

Lern-Fähigkeit

Nach meinem letzten Post wurde ich gefragt, was ich unter der Lernfähigkeit einer Gemeinde verstehe. Sie ist  für mich das Produkt aus den Faktoren Sinn, Hoffnung und Kompetenz. Oder für die visuellen Menschen unter uns:

Sinn x Hoffnung x Kompetenz = Größe der Lernfähigkeit

Wobei der Sinn nach dem Grund des Handels einer Gemeinde fragt. Warum sollen wir etwas tun, etwas verändern?
Die Hoffnung fragt nach dem Ziel des Handelns. Was erwarten wir? Was könnten wir erreichen, wenn wir etwas verändern oder neue Wege gehen?
Und die Kompetenz fragt nach der Fähigkeit, diese neu gesteckten Ziele oder Ergebnisse auch in die Realität umzusetzen.

Wichtig dabei ist für mich, dass wir sehen, dass keiner dieser Größen gleich Null sein kann. Wenn ich keinen Sinn hinter meinem Handeln sehe, werde ich bei der erst besten Gelegenheit aussteigen. Ohne Hoffnung werde ich ziel- und planlos umherirren oder gleich alles sein alles und aufgeben. Und wenn mir die Kompetenz fehlt, mein Wissen umzusetzen, dann kann ich schlaue Bücher schreiben, aber nicht das Leben meiner Gemeinde verändern.

 

Ergänzung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es noch:  “Lern-Fähigkeit ist für mich die Summe aus zwei Kompetenzen: Unter Lernen verstehe ich die Kompetenz einer Gemeinde, Informationen so verarbeiten zu können, dass sie helfen, gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen eigenständig zu meistern und unter Fähigkeit die Kompetenz, dieses Wissen auch in das eigene Leben umzusetzen. Und die Lernfähigkeit wiederum ist für mich das Produkt aus den Faktoren Sinn, Hoffnung und Kompetenz. Oder für die visuellen Menschen unter uns: Sinn x Hoffnung x Kompetenz = Größe der Lernfähigkeit.”
Diese beiden Formeln haben offensichtlich ein wenig irritiert, zumal ich in beiden den Begriff Kompetenz verwende. Zur allgemeinen Entspannung habe ich darum den Artikel verändert.

Starke Gemeinde – ein paar erste Ideen

Vor einigen Tagen las ich das Buch von Tobias Faix, Tobias Künkler und Martin Hofmann: Warum ich nicht mehr glaube.
Wirklich gut. Solltest du eine gewisse intellektuelle Leere in dir spüren, liegt es vielleicht daran, dass du es noch nicht gelesen hast :).
Ein Kapitel blieb bei mir besonders hängen. Dort geht es um die Frage, wie Menschen einen starken Glauben entwickeln können. Auch wenn manches von dem, was die Drei dort aussagen, noch auf etwas wissenschaftlich wackligen Füßen steht, haben mich die Ideen und Übertragungen aus der Resilienzforschung so fasziniert, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob so etwas auch im Blick auf die Gemeinde denkbar ist. Daraus haben sich ein paar Fragen formuliert, die seitdem in meinem Kopf umherwandern. Zum Beispiel frage ich mich:

Kann man messen, wie widerstandsfähig eine Gemeinde ist, wenn sie in eine Krise gerät?

Gibt es Tools, mit deren Hilfe geübt werden kann vorhandene Ressourcen zu beleben und so einzusetzen, dass die innere Stärke einer Gemeinde erhöht werden kann?

Um hier einen Schritt weiter zu kommen, habe ich mich mit mir darauf geeinigt, dass ich davon ausgehe, dass eine Gemeinde als soziales System grundsätzlich genauso „tickt“ wie ein menschliches System. Zwar ist dieses System deutlich (nahezu unendlich) komplexer, aber funktioniert eben doch nach denselben Prinzipien. Ich weiß, Luhmann dreht sich gerade im Grab um, aber da muss er jetzt mal ganz tapfer durch. Ohne so eine Vereinfachung kommen wir nur weiter bis zum nächsten Aber und das macht eben keinen Spaß.

Eine zweite Annahme: Ich vermute, dass man eine Gemeinde mit einem hohen Resilienzfaktor nicht daran erkennt, wie viele Leute im Gottesdienst sind oder wie niedrig das Durchschnittsalter ist. Vermutlich sind sogar kleine, uralte Versammlungen in der Regel deutlich widerstandsfähiger als junge hippe Gemeinden, aber das müsste einmal an einer anderen Stelle untersucht werden.

Die beiden Autoren und Wissenschaftler Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse (das sind wirklich nur zwei), haben ein sehr schönes Buch über Resilienz geschrieben. Sie zitieren Wustmann, der Relisienzfaktoren „als Eigenschaften, die ein Kind in der Interaktion mit seiner Umwelt und durch erfolgreiche Bewältigung von alterspezifischen Entwicklungsaufgaben erwirbt“ (Resilienz, Seite 40).

Was würde passieren, wenn wir es schaffen würden, in unseren Gemeinden diese Eigenschaften bewusst zu fördern und zu erlernen? Denn die gute Nachricht ist ja: Resilienzfaktoren sind nicht angeboren, sondern können erlernt werden.

Ich habe diese Faktoren einmal herausgeschrieben und versucht, eine Übertragung zu skizzieren. Ja, das ist alles noch sehr bruchstückhaft, aber vielleicht hat jemand von euch Lust, hier mit weiterzudenken.
 
Selbst- und Fremdwahrnehmung 
Erklärung: Damit ist eine angemessene Selbstwahrnehung und Selbsteinschätzung gemeint, sowie ein angemessener Umgang mit Informationen gemeint.
Übertragung: Wer sind wir als Gemeinde? Wo stehen wir heute? Wie würden wir einem Freund unsere Gemeinde beschreiben? Welche Kernbegriffe fallen uns bei so einer Beschreibung auf? Wie sehen andere, Christen und Nichtchristen, Nachbarn, andere Gemeinden, öffentliche Vertreter uns? Vor welchen Herzausforderungen stehen wie im Augenblick?

Selbstwirksamkeit
Erklärung: Die Überzeugung, Anforderungen bewältigen zu können.
Übertragung: Trauen wir uns zu, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen? Können wir unsere Gemeinde entwickeln?

Selbststeuerung
Erklärung: Regulation von Gefühlen und Erregung, sich zu beruhigen oder auch, sich aufzuregen
Übertragung: Können wir schnell Schwierigkeiten und Unvorhergesehenes “wegstecken”? Gibt es andererseits Situationen und Zustände, die uns noch wütend machen? Leiden wir unter sozialer und geistlicher Ungerechtigkeit („solange wir hier „richtig“ glauben ist alles gut, was mit den anderen passiert, interessiert uns nicht“) oder lässt uns das kalt?

Soziale Kompetenz
Erklärung: Unterstützung holen, sich zu behaupten und die Fähigkeit, Konflikte selber zu lösen
Übertragung: Haben wir die Größe, uns von außen Hilfe zu holen (nicht nur “Lückenfüller” und “Stundenhalter”)? Wie offen gehen wir mit Konflikte um? Suchen wir einen Schuldigen oder nach einer Lösung? Sehen wir Konflikte als Möglichkeit, um miteinander zu wachsen?

Problemlösefähigkeit
Erklärung: Entwicklung von Strategie zur Informationsgewinnung und dem erreichen von neu gesetzten Zielen.
Übertragung: Sind wir in der Lage, einen “Problemlösezyklus” (Resilienz, Seite 54) miteinander zu gestalten? Wer kann uns dabei als Moderator begleiten?

Adaptive Bewältigungskompetenz
Erklärung: Fähigkeit zur Realisierung von vorhandene Kompetenzen in der Situation
Übertragung: Wie kommen wir vom Reden zum Handeln? Welche Instrumente lassen wir zu, um die Ergebnisse unserer Arbeit zu messen?

Ein Trainingsprogramm für Gemeinden müsste sehr vielschichtig gestaltet werden und kann nicht mit einer Predigtreihe, einem Hauskreisabend und ein paar Kopiervorlagen abgehakt werden. Dazu brauchen wir u.a. ein hohes Maß an Lernfähigkeit und die Fähigkeit, Lern- und Innovationsblockarden zu überwinden. Hier sind alle Mitglieder in ihren Funktionen als Teilnehmer, Leiter und Hauptamtliche genauso herausgefordert, wie Ortsgemeinden, Verbände usw.. Wir brauchen eine sorgfältige und saubere Evaluierung der Ergebnisse und vor allem viel Geduld. Kurz gesagt: So ein Programm ist keine nette Unterhaltung im Sommerloch, sondern harte Arbeit, die weh tun kann.

Lohnt es sich, hier weiterzudenken und vor allem weiterzugehen? Ich denke ja. Gerade weil wir heute ganz dringend tragfähige Gemeinden brauchen, die an Krisen nicht zerbrechen, sondern daran noch stärker werden.