Vergeltung und Versöhnung

Miguel war ein großes Talent. In seinem Land studierte er Medizin, Geografie, Mathematik und Theologie. Er war ein guter Wissenschaftler mit einem hohen Wissensdurst. Als Theologe machte er nur einen Fehler. Seine Ergebnisse waren anders, als die der großen theologischen Elite.
Eine große Diskussion entbrannte, vor allem mit einem Theologen in einem Nachbarland, nur einen Steinwurf von seiner eigenen Heimat entfernt. Briefe wechselten, die Gemüter kochten über. Heute, im 21. Jahrhundert mitten in Europa stellt so etwas kein Problem dar. Wir sind es gewohnt, zu diskutieren und andere Meinungen stehen zu lassen.
In der Kultur, aus der Miguel stammt, sah es anders aus. Der Theologe, mit dem er stritt, wünsche ihm den Tod. Einmal sagte er: „Wenn dieser Mann einmal in meine Stadt kommt, wird er sie nicht mehr lebendig verlassen.“
Miguel nahm diese Aussage nicht ernst genug und reiste. Und kam in die Stadt des anderen Theologen. Dort herrschte eine enge Verbindung zwischen Staat und Religion. Der religiöse Führer war auch gleichzeitig eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt. Er erkannte Miguel und erstattete Anzeige. Er wurde verhaftet und unter Anklage gestellt.
Er kam vor ein Gericht, das für ihn gar nicht zuständig war, mit einer Anklage, die nahezu haltlos war, einer Beweisführung, die jede Rechtstaatlichkeit verspottet und vor einen Richter, der von der Meinung des religiösen Führers abhängig war und im Hintergrund von ihm gesteuert wurde. Das Urteil stand vermutlich schon fest, noch bevor der erste Verhandlungstag begann.
Am Ende wurde Miguel dann auch schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt. Für seine eigene Meinung wurde er bei lebendigem Leib verbrannt.
Miguel hieß mit vollem Namen Miguel Servetus. Er starb 1553. Nicht in einem arabischen Land, sondern in Genf. Der Mann, der für seinen Tod verantwortlich war, war kein moslemischer Fundamentalist, sondern der evangelische Theologe Johannes Calvin. Seine Hinrichtung wurde allgemein als richtig angesehen. Kein anderer Reformator legte Einspruch ein.
Vermutlich nur ein Mann erhob damals seine Stimme. Der Humanist Sebastian Castellio, Professor an der Baseler Universität. In seiner Schrift „Ob Ketzer verfolgt werden dürfen“ nimmt Castellio den Grundgedanken der Toleranz auf und schmettert Calvin und damit allen, die glauben, die reine Lehre durch das Töten eines „Ungläubigen“ verteidigen zu müssen, einen Satz entgegen, der Geschichte geschrieben hat: „Einen Menschen töten, heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten“.

Einen Moslem zu töten heißt niemals eine christliche Lehre zu verteidigen, sondern heißt immer: einen Menschen zu töten. Einen Christen mit einer Bombe zu zerreißen heißt niemals, Gottes Ehre wiederherzustellen, sondern heißt immer: einen Menschen töten.

Einen Menschen zu töten bedeutet niemals, Gott groß zu machen, sondern schwach. Denn ein Gott, der darauf angewiesen ist, dass seine Anhänger ihn beschützen, muss ein schwacher Gott sein. Ein Götze, der sich selbst nicht helfen kann.

Ja, ich leide darunter, dass Blasphemie salongfähig geworden ist und scheinbar zu einer freien Demokratie dazugehören muss. Es tut mir weh, wenn ich höre, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet werden. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn ich Kämpfer des IS sehe, wie sie stolz die toten und geschundenen Körper meiner Geschwister in die Kamera halten. Kinder, Frauen und Männer, die sterben mussten, weil sie Christen sind. Ich kann es schwer ertragen, wenn ein deutscher Dschihadist in einem Interview völlig selbstverständlich davon redet, dass der IS alle Schiiten töten wird, weil sie den falschen Islam leben. Es fällt mir schwer, hier ruhig zu bleiben.
Aber unser Auftrag ist nicht, hier Rache und Vergeltung zu fordern. Weil Gott selbst einen anderen Weg gegangen ist. Dort, wo Christen zu Gewalt und Vergeltung aufrufen, haben sie das Wesen und den Charakter Gottes aus dem Blick verloren.

Die Attentäter von Paris riefen: „Allah akbar“ – Gott ist groß. Das ist richtig, aber der Gott der Bibel ist so groß, dass er bereit war, sich klein zu machen. Er wurde einer von uns. Jesus ließ es zu, dass er in einem dreckigen Viehgehege als Mensch geboren wurde. Seine Kindheit war von Flucht geprägt und in seinem Leben hier schwanke die Stimmung ihm gegenüber ständig zwischen „Hosianna, dem Sohn Davids“ und „kreuzigt ihn“. Er kennt Durst und Hunger, Einsamkeit und Verlassenheit nicht nur aus unseren Gebeten, sondern hat das alles am eigenen Leib ertragen.
Und das alles aus nur einem einzigen Grund. Seine Liebe zu uns trieb ihn in die Abgründe der Menschlichkeit. Seine Liebe zu uns ließ es zu, dass er sich foltern und auslachen ließ.

Nicht, um sich lächerlich zu machen, sondern um sich voll und ganz mit uns zu identifizieren.
Viele Menschen steigen an dieser Stelle aus, weil sie das nicht auf die Reihe bekommen, dass Gott es zulässt, dass Jesus einen solchen Weg gehen musste, um dann am Ende zu sterben. Sie wollen mit einem Gott nichts zu tun haben, der einen Unschuldigen kreuzigen lässt. Dabei müssen wir aber eines im Blick behalten. Nämlich das, was der Apostel Paulus mit nur einem Satz auf den Punkt bringt: „Gott war in Jesus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ Er ließ keinen anderen das alles ertragen, sondern nahm selber den Platz ein. Er war in Jesus.
Für das, was wir heute erleben, bedeutet das:
Er redete das nicht klein, was ihm die Ehre nimmt.
Er schaut nicht weg, wenn Menschen mit Bomben töten, Frauen vergewaltigen oder Kinder entführen.
Das macht ihn zornig, aber seinen Zorn richtete er gegen sich selbst. Er fordert Vergeltung, aber er bezahlte selber den Preis.
Er gab der Welt die Gerechtigkeit zurück, indem er selber die Konsequenzen einer kaputten und verzweifelten Welt trug und ertrug.
Von diesem Gott erzählt die Bibel.
Er braucht niemanden, der seine Ehre verteidigt, weil er seine Ehre selber wiederhergestellt hat, in dem er sich ganz klein gemacht hat.
Sein großes Thema ist nicht Vergeltung oder Rache, sondern Versöhnung. Paulus schreibt, dass Gott uns lebendig gemacht hat. Er hat uns mit sich selbst versöhnt. Er hat uns mit ihm, dem Leben wieder ganz neu verbunden. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als niemand das von uns gewollt hat. Dazu benutzt er die Formulierung: „Als wir tot waren in unseren Sünden.“
Als wir nichts von ihm wollten.
Als wir Gott ignoriert hatten.
Als wir stolz waren auf unsere Argumente, warum man diesem Gott auf keinem Fall trauen darf.
Als wir noch unsere Bomben bastelten.
Da hat er an uns gedacht, uns geliebt und seine Hand ausgestreckt.

Für uns bedeutet das:
1. Versöhnung ist unser zentrales Thema
Gott braucht uns nicht, um seine Ehre zu bewahren. Wir müssen ihn nicht verteidigen oder schützen. Wir sind vielmehr dazu herausgefordert, seinem Weg der Versöhnung zu folgen. Und zwar in alles Facetten. Dazu gehört, dass wir es bekannt machen, dass Gott sich längst mit uns versöhnt hat, aber auch, dass wir selber diese Versöhnung leben. Dass wir andere Menschen als Freunde Gottes behandeln. Ihnen Respekt und Freundlichkeit entgegen bringen, auch denen, die uns im ersten Moment abstoßen und die uns erst einmal anwidern.

Ich werde manches hassen, was Menschen tun, aber die Menschen, die das tun, was ich hasse, sind die Menschen, für die Gott lieber stirbt, als ohne sie zu leben.

2. Weil Gott sich mit uns versöhnt hat, dürfen wir hoffnungsvoll leben.
Die Welt, in der wir leben, ist Gottes Welt. Und auch wenn manches gerade so ganz anders aussieht, ist er derjenige, der diese Welt in seiner Hand hat. Es gibt keinen Kampf mehr zwischen Gut und Böse, auch wenn es noch so viel Böses gibt, aber es steht fest, dass Jesus Sieger ist. Wir dürfen auf die Welt hoffen, die einmal so sein wird, wie Gott sie sich gedacht hat. Das ist keine fromme Utopie, kein klerikales Wunschdenken oder ein geistliches Hirngespinst, sondern eine Realität, auf die wir zugehen.

3. Offenheit und Freiheit sollten das sein, was uns ausmacht
Gerade weil wir selber Menschen sind, die von Schuld befreit wurden und von Gott angenommen sind, dürfen wir diese Freiheit leben und verkündigen. Unsere Welt ist dichter geworden und wir werden konfrontiert von Einflüssen, die eine bedrohliche Wirkung auf uns haben. Die Massenproteste im Rahmen von Pegida zeigen, wie groß die Angst von vielen Menschen ist, dass ihnen das genommen wird, was ihnen wertvoll ist. So groß, dass es zu irrationalen Kurzschlussparolen und Massenbewegungen kommt. Die Ängste sind da, aber wir können ihnen offen begegnen und müssen uns nicht abschotten oder Menschen den Zutritt zu unserem Land und Reichtum verweigern, nur weil sie anders sind.
Konkret heißt das auch: Ich darf angstfrei Brücken schlagen zu denen, die so ganz anders sind. Die anders glauben, die einen völlig anderen Lebensentwurf haben und deren Werte jenseits dessen liegen, was ich als gut und richtig wertschätze.
Wir müssen uns nicht zurückziehen in eine fromme Welt hinter verschlossen Kirchentüren, sondern dürfen versöhnt in der Welt leben, die uns umgibt, mit den Menschen, die Gott uns hier in Marburg zur Seite gestellt hat.

4. Wir sind herausgefordert, das zu betonen und sichtbar zu machen, was unseren eigenen Glauben ausmacht
Gerade dann, wenn wir darunter leiden, dass im christlichen Abendland gerade die Sonne untergeht und wir Angst davor haben, dass wir auf eine nachchristliche Kultur entgegen gehen. Gerade dann sind wir herausgefordert, unseren eigenen Glauben zu stärken. Christus wird nicht dadurch in unserer Gesellschaft sichtbar, dass wir uns zurückziehen oder indem wir andere Religionen schlecht machen, sondern dadurch, dass wir mutig und respektvoll dafür eintreten, woran wir glauben.
Und da geht es um die Frage, wie Gott sich tatsächlich in der Bibel uns offenbart und weniger um das, was wir da gern hineininterpretieren oder wie wir uns unseren persönlichen Gott zurechtglauben.
Wir müssen selber verstehen, wer und wie Gott ist, um über ihn reden zu können. Dazu brauchen wir den Austausch untereinander. Wir brauchen Menschen, die uns die Bibel auslegen und wir brauchen Menschen, die uns kritisch hinterfragen.

Wir erleben heute eine Zeit der Ablehnung. Menschen gehen auf die Straße, um gegen eine scheinbare Islamisierung mit Sprechchören und Plakaten zu demonstrieren. Noch wird vor allem demonstriert.
Gleichzeitig hören wir, dass IS-Kämpfer aus dem Krieg in Syrien nach Deutschland zurückkehren mit dem Auftrag, hier ihre Bomben zu zünden und Menschen zu töten. Das macht uns Angst.

Die Kirchengeschichte hat gezeigt, dass auch wir Christen in der Lage sind, ein furchtbar verzerrtes Bild Gottes in unserer Welt zu zeigen. Miguel Servetus ist nur ein Name unter vielen. Wir haben viele blutige Katastrophen angerichtet und sind an Menschen schuldig geworden.
Aber gerade jetzt haben wir die Chance, die Kirchengeschichte weiterzuschreiben und dafür zu sorgen, dass wir die Fehler unserer Vorgänger nicht wiederholen. Wir haben die Möglichkeit, das Wesen und den Charakter Gottes sichtbar zu machen. Damit seine Liebe und Gerechtigkeit unsere Stadt und unser Land erhellt.

Eine Anmerkung zum Schluss:
Gern kannst du dir den Text auch als PDF-Dokument herunterladen. Bitte beachte nur, dass alle Rechte für diesen Text bei mir (Stefan Piechottka) bleiben und ich jeder Veröffentlichung ausdrücklich zustimmen muss.

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Als die Kämpfe begannen

Es macht mich traurig, wenn ich sehe, wie Gemeinden innerlich oder äußerlich verfallen, wenn Christen gegen Christen hetzen. Wir haben die beste Botschaft der Welt und drehen uns oft genug imm Kreis. Diese Langeweile wird gefüllt werden, oft mit Erbsenzählen oder stundenlangen Diskussionen darüber, welche Farbe die neuen Häkelgardinen bekommen sollen.
Heute habe ich entdeckt, dass das alles scheinbar tief in unseren Genen verankert sein muss. Eusebius beschreibt im 3. Jahrhundert n.Chr. die Situation der Christen in Cäsarea. Er redet davon, dass Christen unglaublich angesehen waren im Volk und immer mehr Menschen zu den Gottesdiensten kamen.

Dann aber geschah es:

“Deswegen begnügten sie sich keineswegs mehr mit den vor Zeiten errichteten Gebäuden, sondern erbauten in allen Städten von den Fundamenten an weiträumige Kirchen. Aber aufgrund der immer größeren Freiheit veränderten sich unsere Angelegenheiten in Richtung auf Hochmut und Trägheit.
Wir wurden aufeinander bitter eifersüchtig und bekämpften uns gegenseitig beinahe, wenn sich die Gelegenheit bot, mit Waffen und Speeren, die aus Worten geschmiedet waren.”

Es scheint zu stimmen: Erst gestalten wir unsere Gebäude, dann gestalten unsere Gebäude uns. Freiheit führt nicht automatisch dazu, Kreativität freizusetzen, sondern macht uns eher träge und hochmütig.

Wir brauchen in Europa keine neue Christenverfolgung, um aufzuwachen, aber vielleicht hilft es uns, wenn wir uns mehr mit der Situation von Christen auseinander setzen, die nichts mehr haben und verfolgt werden, um zu verstehen, was für ein Reichtum uns anvertraut wurde.

Von den Alten lernen

Manche Gemeinden, die das Seniorenalter schon lange hinter sich haben, haben einen großen Vorteil gegenüber jungen Gemeinden: Sie schauen auf viele Jahrzehnte zurück, in denen sie viele Dinge gut gemacht haben, aber in denen sie auch so manche falsche Entscheidung getroffen haben. Warum nicht voneinander lernen? Hier kommen sieben Lebensweisheiten von den Alten an die Jungen.

1. Redet deutlich darüber, wohin ihr als Gemeinde unterwegs seid, besonders mit denen, die neu dazu kommen
Wir haben diesen Fehler oft genug gemacht. Unsere Gründergeneration hatte eine klare Vision und eine unglaubliche Leidenschaft. Wir, die nach ihnen kamen, waren von ihrer Leidenschaft oft so begeistert, dass wir heute noch davon reden, aber wir haben oft nicht scharf genug gesehen, was sie sehen konnten. Heute „machen“ wir Gemeinde, irgendwie wie früher, weil es damals ganz gut lief und doch ganz anders. Oft merken wir nicht, dass wir auf der Stelle stehen und nicht wissen, wohin wir wollen, weil wir unsere Profillosigkeit mit der Pflege von Traditionen tarnen. Wir haben Angst, etwas ganz neu zu machen und manches neu zu denken, weil wir Angst haben, das zu verlieren, was uns ausmacht, was immer das auch ist.

2. Denkt früh genug darüber nach, was passiert, wenn euer Gründer einmal weiterzieht
Wir hatten oft sehr starke und innovative Gründer. Sie haben sich unglaublich investiert. Als sie gingen, blieb oft eine Lücke zurück. Wir haben nie gelernt, selber Verantwortung zu tragen und es war nie nötig, selber so eine brennende Leidenschaft zu entwickeln, weil ja alles perfekt lief. Wir haben dann den Gründer einfach gegen einen Gemeindeleiter oder einen Pastor ersetz, der in seine Fußstapfen treten musste. Viele von ihnen sind heute ausgebrannt, weil die Gemeinde weiter wuchs und niemand da war, der sie entlastet hat. Außerdem wussten wir genau, was ein Mensch alles leisten kann, denn wir hatten es bei unserem Gründer gesehen.
Bitte wiederholt den Fehler nicht. Ein guter Gemeindegründer sollte sich nach und nach so zurückziehen, dass er nicht mehr gebraucht wird und nach und nach seine Arbeit und Verantwortung an andere verteilen, sie begleiten, motivieren, für sie beten und dann weiterziehen.

3. Macht wenig, aber das macht gut
Wir haben heute ein unglaublich buntes Gemeindeprogramm, für alle Generationen und für jede Lebenslage. Die Gemeinde, die nur ein paar Straßen von uns entfernt liegt, hat fast ein identisches Programm. Ganz ehrlich? Das ist unglaublich anstrengend und wir sehen uns auch ein wenig als Konkurrenten. Unsere Mitglieder arbeiten hart daran, dass der Betrieb aufrecht erhalten kann. Manchmal brennen unsere Leute aus, weil sie Beruf, Familie und Gemeinde nicht mehr unter einen Hut bekommen. Viele von ihnen ziehen sich für eine „Auszeit mal ein paar Wochen zurück“ – und sitzen dann oft jahrelang in der letzten Reihe im Gottesdienst.
Macht das, was wir gut könnt und lasst euch noch genügend Zeit, um einfach Zeit miteinander zu verbringen, um miteinander zu feiern, Freundschaften zu pflegen und miteinander nach vorne zu denken. Dass ihr Gemeinde Jesu seid, wird an eurer Liebe untereinander erkennbar sein, nicht an euren Programmen.

4. Nehmt eure Gebäude nicht so wichtig
Rückblickend ist das eigentlich ziemlich albern, aber wir haben tatsächlich geglaubt, dass wir erst dann eine „richtige“ Gemeinde sind, wenn wir ein eigenes Gebäude haben. Wir haben lange dafür gespart, Monate bis Jahre für die Planung verbracht, miteinander gestritten und dann unsere letzten Kräfte auf der Baustelle gelassen. Manche Gemeinden sind darunter zerbrochen und viele sind bis heute so über beide Ohren verschuldet, dass sie keinen finanziellen Spielraum mehr haben. Wir haben unsere Gebäude oft zu klein oder zu groß gebaut und ärgern uns immer noch sehr darüber.
Wir hätten öffentliche Gebäude für wenig Geld mieten können. Wir hätten eine Kooperation mit einer anderen Gemeinde eingehen können. Wir hätten früh genug unsere Gemeinde in kleine Gruppen unterteilen und sie über die ganze Stadt verteilen können. Aber wir haben auf die gehört, die uns das Bild von einer Megachurch vor Augen gemalt haben.
Erst haben wir als Gemeinde unsere Gebäude gestaltet. Heute gestalten die Gebäude unsere Gemeinden.

5. Überlegt einmal gemeinsam, wie ihr mit dem Geld umgeht, das ihr spendet
Viele unserer Gemeinden stehen finanziell schlecht da. Wir kommen gerade so über die Runden. Dabei haben unsere Mitglieder oft hohe Einkommen und sie geben auch viel, aber jeder dorthin, wo er es für richtig hält. In den letzten Jahren sind so viele neue Spendenwerke entstanden und wir werden so gut aus allen möglichen Richtungen darüber informiert, wer noch alles unsere Unterstützung braucht. So bekommt dann jeder immer zu wenig.
Wenn wir noch einmal beginnen würden, dann würden wir hier offen reden. Vielleicht würden wir unseren Leuten den Vorschlag machen, dass jeder seinen 10. (oder wie viel er auch immer geben will) der Gemeinde gibt und wir dann zusammen überlegen, wie wir das Geld sinnvoll weiterverteilen. Damit könnten wir effektiver etwas bewegen und hätten vermutlich selber mehr Mittel zur Verfügung.

6. Behaltet die anderen im Blick
Wir waren so stolz auf uns. Wir hatten das beste Programm, den größten Bläserchor und den perfekten Pastor. Wir brauchten niemanden neben uns und die anderen Gemeinden haben uns nicht interessiert. Wir hatten ja alles. Wir haben nicht mitbekommen, dass andere Gemeinden gestorben sind, weil wir ihnen die Mitarbeiter nahmen, die dann bei uns zu Zuschauern wurden. Heute sehen wir, dass wir so viel mehr hätten erreichen können, wenn wir uns mit ihnen vernetzt hätten und wenn wir uns gegenseitig ergänzt hätten. Dafür ist es heute zu spät.

7. Lebt aus eurem Glauben, nicht aus euren Programmen
Ja, wir haben uns gefunden, weil uns unser Glaube an Jesus verbunden hat. Zumindest am Anfang. Dann drehte sich aber alles mehr und mehr um unsere tollen Programme und unsere unterhaltsamen Predigten. Heute streiten und diskutieren wir vor allem darüber, welcher Musikstil der richtige ist, welche Instrumente in einen Gottesdienst gehören und ob es möglich wäre, die Bibelstunde von Donnerstag auf Mittwoch zu verlegen.
Würde Jesus heute unsere Gemeinde verlassen, wäre das ein herber Schlag, aber wir kämen damit klar und würden einfach so weitermachen, wie bisher.
Bitte bleibt dabei, das ihr euch fragt, wie ihr am besten euren Glauben leben und ausdrücken könnt. Nehmt eure Programme, euren Stil und eure Musik nicht so wichtig und bleibt bereit, das alles zu ändern, wenn es nötig ist.

Ihr seid so wertvoll für die Menschen in eurer Umgebung.

Neues wagen praktisch, Teil 2

Auf meinen letzten Post hin, habe ich zwei Mails bekommen mit der Bitte, hier noch ein wenig mehr über das ganze Drumherum von so einem Tag zu schreiben.

Der Ablauf orientiert sich grob an den Prinzipien von Organisationskonferenzen. Typisch für sie sind:

1. Das ganze System wird in einen Raum gebracht

Es sollte entweder die ganze Gemeinde dabei sein oder aber zumindest aus jeder Gruppe der Gemeinde ein paar Vertreter, so dass diejenigen, die an so einem Tag teilnehmen, auch tatsächlich repräsentativ für die Gemeinde stehen.

2. Eigenverantwortung und Selbstorganisation

Jeder Teilnehmer ist für das Gelingen des Tages mitverantwortlich. Er ist weder Zuschauer, noch Besucher, sondern immer Teilnehmer. Das drückt sich u.a. dadurch aus, dass jeder immer wieder auch einmal kleinere Aufgaben (Gruppenleitung, Zeitnehmer usw.) übertragen bekommt. Auch hat jeder die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Soviel Freiheit muss ein.

3. Vorrang vor dem Gemeinsamen gegenüber dem Trennenden

In den Gesprächen soll nicht herausgearbeitet werden, wo die größten Konflikte herrschen, sondern wo sich eine Gemeinde einig ist und gemeinsame Ziele formulieren kann. Trennendes und Blockarden können aufgeschrieben und an einer anderen Stelle behandelt werden, aber nicht an so einem Tag.

4. Fokus auf die Zukunft

Es geht nicht darum, die „gute alte Zeit“ zu neuem Leben zu erwecken oder darum zu überlegen, wo wir heute stehen, sondern wohin wir wollen. Wie soll unsere Gemeinde in 3 Jahren aussehen? In der Gesprächsführung sollte darum auch immer darauf geachtet werden.

5. Die Konzentration liegt auf den Ressourcen und den Lösungen

Ähnlich wie unter 3. geht es auch hier darum nicht zu überlegen, was man eh nicht schafft, sondern darum, die Mittel einzusetzen, die eine Gemeinde hat, einzelne Kräfte zu bündeln und kraftzehrende Dinge einmal sein zu lassen.

6. Das System bleibt im Blick

Die ganze Gemeinde als komplexes System soll dabei im Blick behalten werden, nicht nur einzelne Gruppen. Was passiert, wenn wir in die Jugendarbeit investieren für andere Gruppen, wenn dort nun die Mitarbeiter oder das Geld fehlen?

 7. Es geht vor allem um einen gemeinsamen Dialog

Vergesst lange Vorträge, auch wenn eure Impulse so wertvoll sind, dass ihr damit die Welt retten könnt. Menschen, die miteinander reden, sich verstehen wollen und miteinander an einem Ziel arbeiten, werden viel mehr erreichen. Jemand, der mit dem Gefühl nach Hause geht „ich wurde ernst genommen“ oder „ich durfte einmal sagen, was mich bewegt“, wird viel motivierter sein, als jemand, der 4 Stunden einem Fachvortrag zugehört hat.

8. Emotionen gehören fest dazu

Ängste, Wut, Zweifel, Hoffnungen und alles andere gehören fest dazu, nicht nur die nüchternen Planungen und sachlichen Überlegungen. Ich darf sagen, wovor ich Angst habe und worüber ich mich freue.

9. Veränderungen und Entscheidungen sollen möglichst sofort umgesetzt werden

Wenn schon die ganze Gemeinde zusammen ist, dann sollte sie sich von vornherein darauf verständigen, dass an diesem Tag  auch wirklich Punkte angedacht werden, die umgesetzt werden sollen und nicht nur ein paar Ideen ausgetauscht oder alles an einen Arbeitskreis delegiert werden soll. Das endet nur damit, dass alles wieder versandet.

10. Kein Event, sondern ein Prozess

Trotzdem wird so ein Treffen immer weitere Gesprächsgänge nach sich ziehen, um miteinander nach und nach Ziele zu erreichen.

 11. Gebet und Hören auf Gott ist ein fester Bestandteil eines solchen Prozesses, kein Anfangsritual

Ok, diesen Punkte wirst du relativ selten in der Fachliteratur finden, mir ist er aber ganz wichtig. Wir reden immer über die Gemeinde Jesu, für die er uns die Verantwortung übertragen hat. Er bleibt der Herr und wenn wir darüber reden, wohin die Reise der Gemeinde gehen soll, dann muss unsere Bitte lauten: „Zeige und die Wege, die du segnest“ (statt: „segne unsere Wege, die wir dir zeigen“). Gebetszeiten an so einem Tag sorgen dafür, dass wir unseren Blick auf Jesus ausrichten und sensible für sein Reden bleiben.

Noch ein Satz dazu, wer so einen Tag leiten sollten: Der, der das am besten kann. Also die- oder derjenige, der das Vertrauen der Gemeinde besitzt und in der Lage ist, Gespräche zu moderieren und dabei die Ziele im Blick zu behalten. Manchmal kann es sinnvoll sein, hier einen externen Berater oder eine Beraterin ins Boot zu holen. Sie oder er hat den nötigen Abstand und steht nicht im Verdacht, alles in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen. Auf der anderen Seite hat vielleicht auch die Gemeindeleiterin, der Pastor oder sonst wer das nötige Vertrauen, dass andere sich leiten lassen. Falls sich niemand in der Gemeinde findet, ist das ein guter Moment, um auch einmal darüber nachzudenken, woran das liegt.

 

Wenn du dich noch etwas mehr in das Thema Organisationskonferenzen eingraben willst, kann ich dir diese beiden Bücher sehr empfehlen:

Einführung in Großgruppenmethoden

Das Buch ist eine sehr schöne und knappe Einführung in das Thema.

und:

Change Handbook. Zukunftsorientierte Großgruppen-Methoden

Hier werden viele unterschiedliche Methoden beschrieben und vor allem: du kannst ganz leicht nachlesen, welche Methode für welche Situation geeignet ist.

 

Neues wagen in der Praxis

Ich habe am Wochenende zum ersten Mal ein kleines Tool eingesetzt, das mich begeistert hat. Meine Aufgabe bestand darin, Mitglieder einer altgewordenen Gemeinde miteinander ins Gespräch über ihre Gemeinde zu bringen – und zwar so, dass nicht das Jammern und Klagen im Mittelpunkt steht, sondern dass die Teilnehmer Spaß daran haben, darüber zu reden und nachzudenken, wie die Zukunft aussehen soll.

Das Ding ist jetzt weder eine Geheimwaffe noch ein Kandidat für den nächsten Nobelpreis in Gemeindeentwicklung, aber ich finde es wirklich hilfreich und darum möchte ich es gerne teilen. Falls es jemand von euch einsetzt, wäre ich euch sehr dankbar, mir einmal eine Rückmeldung zu schicken, wie es bei euch lief.

Die Grundidee

Mir ist aufgefallen, dass in vielen Gemeinden, die zu der Denomination gehören, in der ich arbeite, Gebäude wichtig sind. Ich habe viele Chroniken gelesen und es ist erschreckend, wie viele Zeilen dafür verwendet werden, haargenau den Bau der Gemeinde zu beschreiben. In unzähligen Mitgliederversammlungen wird darüber geredet und gestritten, wie die nächsten Umbaumaßnahmen umgesetzt werden sollen und ob es nicht mal wieder Zeit für neue Gardinen ist. Außerdem müsste noch über den Putzplan und die Frage gesprochen werden, wer im Herbst das Laub ums Haus entfernt. ausserdem soll doch bitte mehr darauf geachtet werden, dass immer gleich abgespült  und dass unter der Kellertreppe nichts abgestellt wird. Kurz gesagt: Am Anfang gestaltete die Gemeinde ein Haus und am Ende gestaltet das Haus die Gemeinde.

Also: Weg mit der Hütte. Was wäre, wenn es das Haus nicht mehr gibt? Wie fühlt sich das an, was bleibt von der Gemeinde übrig und wie soll die Zukunft aussehen?

 

Die Umsetzung

Die Teilnehmer werden mit dieser Geschichte konfrontiert:

„Stell dir einmal diese Situation vor: An einem Sonntagmorgen möchtest du zum Familiengottesdienst kommen. Als du auf dem Gelände der Gemeinde eintriffst, siehst du ein paar Feuerwehrwagen. Blaulicht flackert, Feuerwehrmänner hantieren an ihren Fahrzeugen. Du parkst deinen Wagen und gehst den weg hoch. Dort, wo gestern noch das Gemeindehaus stand, siehst du jetzt nur noch eine verkohlte Ruine. Das Haus ist abgebrannt.“

 

Zunächst soll jeder für sich über diese Fragen nachdenken (sag’ es keinem, aber die Fragen stammen aus dem Anti-Aggressionstraining):

  1.  Was empfindest du beim Anblick der Ruine?
  2. Was beobachtest du, was die anderen Gemeindemitglieder machen? Was denken sie? Wie reagieren sie?
  3. Welche Bedürfnisse sind bei dir nicht abgebrannt und sind jetzt unerfüllt?
  4. Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Zeit: ca. 30 Minuten

Anschließend sollte viel Zeit (ca. 1,5 Stunden)  zum Reden und Austauschen sein. Es wird vermutlich Menschen geben, die so einen Brand sehr befreiend finden werden und andere, die zutiefst trauern und verzweifelt sein werden. Diese Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und es zu schaffen, dass sie sich verstehen, kann ein echter Meilenstein werden.

Im nächsten Schritt geht es dann um die Frage, wie es weitergehen soll. Dazu bekommen die Teilnehmer vier Optionen vorgestellt. Sie sollen sich für eine entscheiden und dann in Gruppen jeweils über diesen Punkt und die dazugehörigen Fragen reden. Dazu wählen sie einen Gesprächsleiter, jemanden, der hinterher die Ergebnisse präsentiert und jemanden, der darauf achtet, dass die vorgebende Zeit (45 Minuten) eingehalten wird.

Das ist die Situation:

„Nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung ein wenig gelegt und jetzt geht es um die Frage, wie es mit der Gemeinde weitergehen soll. Die Versicherung hat signalisiert, dass sie für den Schaden aufkommen wird. Geld ist also da. Womit allerdings niemand gerechnet hat: Aufgrund einer Formulierung in der Satzung ist mit dem Abbrennen des Hauses auch gleichzeitig die Gemeinde erloschen. Es gibt die Gemeinde nicht mehr.

Welche Schritte sollen deiner Meinung nach nun gegangen werden? Es gibt drei Optionen:

1.     Neu anfangen irgendwo anders. Eine neue Gemeinde entsteht.
(Was dahinter steckt: Mit der alten Tradition wird gebrochen, aber man will zusammenbleiben) 

Würdet ihr gleich ein neues Haus bauen? Wenn ja:

i.     Wo würdest du am liebsten neu bauen?

ii.     Wie müsste das Haus aussehen?

Wenn nicht,

i.     Wo würdet ihr euch treffen?

ii.     Wie würdet ihr das Gemeindeleben gestalten?

An welche Bedingungen knüpft ihr die Mitgliedschaft? Wer darf mitmachen?

2.     Am selben Ort neu bauen, worauf würdet ihr achten?
(Was dahinter steckt: Das, was war, soll wieder so sein, mehr oder weniger) 

  1. Was würdet ihr anders machen als bisher?
  2. Wie müsste die Gemeinde aussehen?
  3. Was würdet ihr so wieder machen, was würdet ihr gern zurücklassen?
  4. An welche Bedingungen knüpft ihr die Mitgliedschaft? Wer darf mitmachen?

3.     Du gehst weg, in eine andere Gemeinde und schließt dich ihr an.
(Was dahinter steckt: Der komplette Ausstieg aus der Tradition und ein Bruch mit den Menschen, mit denen man bisher zusammen war) 

  1. Wie müsste sie sein, damit du dich dort wohl fühlst?
  2. Was wünschst du dir von so einer Gemeinde?

Zum Schluss präsentieren alle Gruppen ihre Ergebnisse. Das dauert noch einmal so gut eine Stunde. Verständnisfragen sollen gestellt werden, aber achte darauf, dass die einzelnen Gedanken und Wünsche nicht diskutiert oder in richtig oder falsch eingeteilt werden.

In einer Abschlussrunde arbeitet ihr heraus, was euch an diesem Tag aufgefallen ist und was ihr davon umsetzen wollt. Vielleicht helfen euch dabei diese Fragen:

  •  Was ist für euch als Gemeinde wichtig? Versucht einmal vier zentrale Begriffe zu formulieren.
  • In wie weit hat dieser Tag euren Blick für eure Gemeinde verändert?
  • Was könnt ihr von diesem Tag lernen?
  • Was könnt ihr umsetzen?

Wichtig ist, dass ihr einen Moderator habt, der die Grundlagen der Gesprächsführung beherrscht (Nachfragen, Spiegeln, Zusammenfassen, Ausgewogenheit bei den Redebeiträgen usw.).

Achtet darauf, dass ein repräsentativer Kreis der Gemeinde vorhanden ist. Also entweder alle oder zumindest Leute aus allen Altersgruppen. Nehmt euch Zeit und nehmt euch auch Zeit für Pausen.

 

Ich lebe im Samstag

Ich lebe im Samstag

gestern war Freitag

Es war kein schöner Tag.

Stundenlange Dunkelheit.

Seit Tausenden von Jahren.

Ihr blödes, sinnloses Lachen,

die immer noch viel zu vielen Worte.

Der ganze Hass,

der hinter der aufgesetzten Frömmigkeit

versteckt war.

Seine Schmerzen.

Das ganze Blut.

Der Tod.

Sein Tod.

Die ganze Gottlosigkeit.

Seine Gottlosigkeit.

 

Das war gestern.

Heute ist Samstag und

morgen Sonntag,

aber manchmal vergesse ich das..

Wenn ich meinen Wocheneinkauf mache

den Wagen belade und hoffe, ich bekomme alles in die Faltkörbe

und nur aus dem Augenwinkel den Penner sehe,

der sich das Geld für den billigen Korn zusammen schnorrt

die Frau, bei der du auf dem ersten Blick in ihren Einkaufswagen siehst,

dass sie die Feiertage wieder alleine verbringen wird.

Abends, wenn ich mit Chips und Bier auf dem Sofa mir den Bericht

von dem Fährunglück anschaue

und ich den Fernseher etwas lauter machen muss, weil das Geschrei nebenan

wieder viel zu laut ist.

Wenn ich zu Hause die Heimatlosigkeit spüre

und umgeben von Freunden weiß, wie einsam ich bin.

Dann erinnere ich mich wieder, dass erst Samstag ist.

 

Aber ich weiß von Sonntag.

Es soll ein schöner Tag werden.

Vielleicht beginnt es wieder mit Fassungslosigkeit.

Damit, dass ich sehe, dass plötzlich ist, was nicht sein kann.

Mein leeres Grab.

Aber Freude wird sich breit machen.

Frieden.

 

Morgen ist Sonntag.

 

Lebendige Gemeinde

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit der Frage, ob man die Lebendigkeit einer Gemeinde messen kann. Und ja, ich setze mal vorsichtig Lebendigkeit mit Gesundheit gleich. Wobei eine Gemeinde für mich auch dann noch gesund ist, wenn sie mal die eine oder andere Macke hat. Bei uns Menschen ist das ja auch nicht anders. Ich habe zum Beispiel schlechte Augen, keine perfekten Zähne und neige zu einem verspannten Nacken, würde mich aber trotzdem als gesund bezeichnen.  Ich bin lebendig. Ich kann agieren, ich kann mich verändern, Neues wagen, feiern, arbeiten und nachts meistens schlafen.

Ich beobachte gerne Gemeinden, versuche sie zu verstehen und bin in der Regel davon begeistert, was für unterschiedliche Formen sie da annehmen können. Manchmal bin ich traurig, weil ich sehe, dass sich Gemeinden schnell aufgeben und davon überzeugt sind, dass sie demnächst sterben werden, sie also nicht mehr lebendig sind oder zumindest sterbenskrank.

Woran machen wir so etwas eigentlich fest, dass eine Gemeinde lebendig oder tot ist? Ja, ich weiß, Christian A. Schwarz hat die Frage schon vor ein paar Jahren geantwortet. Für ihn sind zweckmäßige Strukturen, gabenorientierte Mitarbeiterschaft, inspirierende Gottesdienste,  ganzheitliche Kleingruppen entscheidenden Faktoren. Und vermutlich passen seine Überlegungen auch sehr gut für einen ganz bestimmten Typos von Gemeinde.

Im Augenblick finde ich einen Ansatz von Robert Warren allerdings spannender. Vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass er auch kleinen Gemeinden gerecht wird.

Gleichzeitig beruft er sich auf Schwarz und sieht seine Eindeckungen als eine Fortführung vom großen Meister der modernen Gemeindeentwicklungsforschung.  Basis seiner Überlegungen ist eine Untersuchung von englischen Gemeinden, von denen man annahm, dass sie in den nächsten Jahren eingehen würde, die das aber scheinbar nicht gewusst haben und darum einfach aufgeblüht sind. Warren hat sieben (! J) Kennzeichen ausgemacht, die für diese Gemeinden typisch sind:

1.     Sie leben aus ihrem Glauben heraus

Entscheidend sind gar nicht mal die Strukturen oder die Frage, ob sie einen inspirierenden Gottesdienst haben. Wichtig war für sie die Frage nach der Quelle. In ihren Gemeinden bekommen Menschen den Raum, Gottes Liebe hautnah zu erfahren. Ihre Kraft beziehen sie aus dem Wunsch, Gott und sich gegenseitig zu dienen und Menschen bekommen in diesen Gemeinden die Möglichkeit, im Glauben zu wachsen und diesen Glauben weiterzugeben.

2.     Sie richten den Blick nach außen

Sie sind als Gemeinde mit ihrem Ort verwurzelt. Sie arbeiten mit anderen Institutionen fest zusammen. Leidenschaftlich setzen sie sich für Gerechtigkeit und Frieden ein – lokal und global. Dadurch stellen sie eine enge Verbindung zwischen ihrem Leben und ihrem Glauben her. Sie antworten diakonisch aus die menschlichen Bedürfnisse um sie herum.

3.     Sie wollen unbedingt herausfinden, was Gott von ihnen will

Sie fragen sich gemeinsam und jeden einzelnen: Was hat Gott mit uns vor? Wozu sind wir berufen? Dabei arbeiten sie an einer Vision für die Zukunft. Sie schauen nach vorne, statt sich ständig um die Vergangenheit zu drehen. Missionarische Perspektiven werden entwickelt. Es geht nicht nur um einzelne punktuelle Projekte, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, sondern um langfristige Pläne. Dabei fordern sie von ihren Mitgliedern auch Opfer, zeitliche und finanzielle.

4.     Sie stellen sich dem Preis der Veränderung

Zwischen den Zeilen höre ich oft den Satz: „Es soll alles besser werden, aber es darf sich nichts verändern.“ Das funktioniert leider nicht. Jede Veränderung hat leider ihren Preis. Eine vitale Gemeinde, so Warren wird Neues wagen und Altes hinter sich lassen. Sie wird Risiken in Kauf nehmen. Sie wird auf Veränderungen in ihrer Gemeinde und in ihrer Umwelt reagieren, statt zu resignieren.

5.     Sie handelt als Gemeinschaft

Beziehungen sind hier wichtig. Sie leben als Freunde und nicht als Funktionäre zusammen. Diese Beziehungen werden nicht nebenbei gepflegt, sondern sie verwenden viel Zeit und Mühe darauf, miteinander in die Tiefe zu wachsen. Ehren- und Hauptamtliche verstehen sich dabei als Team.

6.     Sie schaffen Raum für alle

Neue Besucher oder Mitglieder werden willkommen geheißen und es wird viel Zeit damit verbracht, ihnen deutlich zu machen, dass man sich wirklich freut, dass sie da sind und damit sie schnell ein fester Teil der Gemeinschaft werden. Kinder und Jugendliche gehören zur Gemeinde fest dazu. Man macht nicht nur Arbeit für die Kinder, sondern mit ihnen zusammen. Jugendlichen wird viel Freiraum auch im Gottesdienst gegeben.

Diese Gemeinden haben eine große Sehnsucht danach, Menschen aus viele Nationen und sozialen Hintergründen bei sich willkommen zu heißen.

7.     Sie machen wenig, aber das, was sie tun, machen sie gut

Sie konzentrieren sich auf die wesentlichen Veranstaltungen einer Gemeinde: Gottesdienste, Bibelstunden, Hauskreise. Statt sich in einer Angebotsvielfalt zu verlieren, um dann nur noch Kraft zu haben, alles halbherzig zu tun, legen sie in die wenigen Dinge ihre ganze Leidenschaft. Sie freuen sich über die Dinge, die sie tun und haben eine große Gelassenheit im Blick auf die Dinge, die sie weglassen.

Lern-Fähigkeit

Nach meinem letzten Post wurde ich gefragt, was ich unter der Lernfähigkeit einer Gemeinde verstehe. Sie ist  für mich das Produkt aus den Faktoren Sinn, Hoffnung und Kompetenz. Oder für die visuellen Menschen unter uns:

Sinn x Hoffnung x Kompetenz = Größe der Lernfähigkeit

Wobei der Sinn nach dem Grund des Handels einer Gemeinde fragt. Warum sollen wir etwas tun, etwas verändern?
Die Hoffnung fragt nach dem Ziel des Handelns. Was erwarten wir? Was könnten wir erreichen, wenn wir etwas verändern oder neue Wege gehen?
Und die Kompetenz fragt nach der Fähigkeit, diese neu gesteckten Ziele oder Ergebnisse auch in die Realität umzusetzen.

Wichtig dabei ist für mich, dass wir sehen, dass keiner dieser Größen gleich Null sein kann. Wenn ich keinen Sinn hinter meinem Handeln sehe, werde ich bei der erst besten Gelegenheit aussteigen. Ohne Hoffnung werde ich ziel- und planlos umherirren oder gleich alles sein alles und aufgeben. Und wenn mir die Kompetenz fehlt, mein Wissen umzusetzen, dann kann ich schlaue Bücher schreiben, aber nicht das Leben meiner Gemeinde verändern.

 

Ergänzung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es noch:  “Lern-Fähigkeit ist für mich die Summe aus zwei Kompetenzen: Unter Lernen verstehe ich die Kompetenz einer Gemeinde, Informationen so verarbeiten zu können, dass sie helfen, gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen eigenständig zu meistern und unter Fähigkeit die Kompetenz, dieses Wissen auch in das eigene Leben umzusetzen. Und die Lernfähigkeit wiederum ist für mich das Produkt aus den Faktoren Sinn, Hoffnung und Kompetenz. Oder für die visuellen Menschen unter uns: Sinn x Hoffnung x Kompetenz = Größe der Lernfähigkeit.”
Diese beiden Formeln haben offensichtlich ein wenig irritiert, zumal ich in beiden den Begriff Kompetenz verwende. Zur allgemeinen Entspannung habe ich darum den Artikel verändert.

Starke Gemeinde – ein paar erste Ideen

Vor einigen Tagen las ich das Buch von Tobias Faix, Tobias Künkler und Martin Hofmann: Warum ich nicht mehr glaube.
Wirklich gut. Solltest du eine gewisse intellektuelle Leere in dir spüren, liegt es vielleicht daran, dass du es noch nicht gelesen hast :).
Ein Kapitel blieb bei mir besonders hängen. Dort geht es um die Frage, wie Menschen einen starken Glauben entwickeln können. Auch wenn manches von dem, was die Drei dort aussagen, noch auf etwas wissenschaftlich wackligen Füßen steht, haben mich die Ideen und Übertragungen aus der Resilienzforschung so fasziniert, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob so etwas auch im Blick auf die Gemeinde denkbar ist. Daraus haben sich ein paar Fragen formuliert, die seitdem in meinem Kopf umherwandern. Zum Beispiel frage ich mich:

Kann man messen, wie widerstandsfähig eine Gemeinde ist, wenn sie in eine Krise gerät?

Gibt es Tools, mit deren Hilfe geübt werden kann vorhandene Ressourcen zu beleben und so einzusetzen, dass die innere Stärke einer Gemeinde erhöht werden kann?

Um hier einen Schritt weiter zu kommen, habe ich mich mit mir darauf geeinigt, dass ich davon ausgehe, dass eine Gemeinde als soziales System grundsätzlich genauso „tickt“ wie ein menschliches System. Zwar ist dieses System deutlich (nahezu unendlich) komplexer, aber funktioniert eben doch nach denselben Prinzipien. Ich weiß, Luhmann dreht sich gerade im Grab um, aber da muss er jetzt mal ganz tapfer durch. Ohne so eine Vereinfachung kommen wir nur weiter bis zum nächsten Aber und das macht eben keinen Spaß.

Eine zweite Annahme: Ich vermute, dass man eine Gemeinde mit einem hohen Resilienzfaktor nicht daran erkennt, wie viele Leute im Gottesdienst sind oder wie niedrig das Durchschnittsalter ist. Vermutlich sind sogar kleine, uralte Versammlungen in der Regel deutlich widerstandsfähiger als junge hippe Gemeinden, aber das müsste einmal an einer anderen Stelle untersucht werden.

Die beiden Autoren und Wissenschaftler Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse (das sind wirklich nur zwei), haben ein sehr schönes Buch über Resilienz geschrieben. Sie zitieren Wustmann, der Relisienzfaktoren „als Eigenschaften, die ein Kind in der Interaktion mit seiner Umwelt und durch erfolgreiche Bewältigung von alterspezifischen Entwicklungsaufgaben erwirbt“ (Resilienz, Seite 40).

Was würde passieren, wenn wir es schaffen würden, in unseren Gemeinden diese Eigenschaften bewusst zu fördern und zu erlernen? Denn die gute Nachricht ist ja: Resilienzfaktoren sind nicht angeboren, sondern können erlernt werden.

Ich habe diese Faktoren einmal herausgeschrieben und versucht, eine Übertragung zu skizzieren. Ja, das ist alles noch sehr bruchstückhaft, aber vielleicht hat jemand von euch Lust, hier mit weiterzudenken.
 
Selbst- und Fremdwahrnehmung 
Erklärung: Damit ist eine angemessene Selbstwahrnehung und Selbsteinschätzung gemeint, sowie ein angemessener Umgang mit Informationen gemeint.
Übertragung: Wer sind wir als Gemeinde? Wo stehen wir heute? Wie würden wir einem Freund unsere Gemeinde beschreiben? Welche Kernbegriffe fallen uns bei so einer Beschreibung auf? Wie sehen andere, Christen und Nichtchristen, Nachbarn, andere Gemeinden, öffentliche Vertreter uns? Vor welchen Herzausforderungen stehen wie im Augenblick?

Selbstwirksamkeit
Erklärung: Die Überzeugung, Anforderungen bewältigen zu können.
Übertragung: Trauen wir uns zu, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen? Können wir unsere Gemeinde entwickeln?

Selbststeuerung
Erklärung: Regulation von Gefühlen und Erregung, sich zu beruhigen oder auch, sich aufzuregen
Übertragung: Können wir schnell Schwierigkeiten und Unvorhergesehenes “wegstecken”? Gibt es andererseits Situationen und Zustände, die uns noch wütend machen? Leiden wir unter sozialer und geistlicher Ungerechtigkeit („solange wir hier „richtig“ glauben ist alles gut, was mit den anderen passiert, interessiert uns nicht“) oder lässt uns das kalt?

Soziale Kompetenz
Erklärung: Unterstützung holen, sich zu behaupten und die Fähigkeit, Konflikte selber zu lösen
Übertragung: Haben wir die Größe, uns von außen Hilfe zu holen (nicht nur “Lückenfüller” und “Stundenhalter”)? Wie offen gehen wir mit Konflikte um? Suchen wir einen Schuldigen oder nach einer Lösung? Sehen wir Konflikte als Möglichkeit, um miteinander zu wachsen?

Problemlösefähigkeit
Erklärung: Entwicklung von Strategie zur Informationsgewinnung und dem erreichen von neu gesetzten Zielen.
Übertragung: Sind wir in der Lage, einen “Problemlösezyklus” (Resilienz, Seite 54) miteinander zu gestalten? Wer kann uns dabei als Moderator begleiten?

Adaptive Bewältigungskompetenz
Erklärung: Fähigkeit zur Realisierung von vorhandene Kompetenzen in der Situation
Übertragung: Wie kommen wir vom Reden zum Handeln? Welche Instrumente lassen wir zu, um die Ergebnisse unserer Arbeit zu messen?

Ein Trainingsprogramm für Gemeinden müsste sehr vielschichtig gestaltet werden und kann nicht mit einer Predigtreihe, einem Hauskreisabend und ein paar Kopiervorlagen abgehakt werden. Dazu brauchen wir u.a. ein hohes Maß an Lernfähigkeit und die Fähigkeit, Lern- und Innovationsblockarden zu überwinden. Hier sind alle Mitglieder in ihren Funktionen als Teilnehmer, Leiter und Hauptamtliche genauso herausgefordert, wie Ortsgemeinden, Verbände usw.. Wir brauchen eine sorgfältige und saubere Evaluierung der Ergebnisse und vor allem viel Geduld. Kurz gesagt: So ein Programm ist keine nette Unterhaltung im Sommerloch, sondern harte Arbeit, die weh tun kann.

Lohnt es sich, hier weiterzudenken und vor allem weiterzugehen? Ich denke ja. Gerade weil wir heute ganz dringend tragfähige Gemeinden brauchen, die an Krisen nicht zerbrechen, sondern daran noch stärker werden.

Macht Gott glücklich?

Schlagermusik ist in Deutschland nach wie vor ein Renner. Andy Borg, Costa Cordales, DJ Ötzi und viele andere verdienen Millionen mit ihren Titeln. Und auch wenn ihre Musik sich immer noch unterscheidet, so haben sie etwas gemeinsam: Es geht in den Texten immer um das Thema Glück, darum, wie sie ein glückliches Leben anfühlt oder wie man am besten die Sorgen mal loslassen kann. Es geht um Liebe und es geht um die anderen schönen Momente im Leben.
Niemand singt einen Schlager darüber, wie anstrengend es sein kann, eine neue Arbeitsstelle zu suchen oder wie grausam es ist, von seinem Ehepartner misshandelt zu werden.
Das hat weniger damit etwas zu tun, dass Schlagermusiker in erster Linie Menschen sind, die niemals Probleme haben, sondern es geht um die Sehnsucht in uns drin. Wir wollen glückliche Menschen sein. Wir vermissen die Leichtigkeit, die wir damit verbinden. Darum hören wir Schlager, um wenigstens ein wenig das Gefühl zurückzubekommen.
Auch die Werbung hat längst erkannt, wie sehr wir uns nach Glück sehnen. Achtet einmal darauf, wie viele Produkte mit dem Etikett „Glück“ beworben werden. Wenn in der Werbung Familie beim Essen zusammensitzen, dann strahlen sie immer voller Begeisterung. So wird selbst die schnöde Tiefkühlpizza zum echten Glücksbringer.
Es gibt Hundefutter, bei dem der Hersteller verspricht, dass mein Hund davon glücklich wird. Wobei ich bis jetzt immer dachte, dass das nur die Glückspilze aus Holland schaffen. TUI hat Angebote im Programm, die mir die glücklichsten 2-3 Wochen des Jahres versprechen, wenn ich bei ihnen buche. Kauf mich und du wirst glücklich. Endlich.
Wenn es denn so einfach wäre.

Und vor allem wir Deutsche scheinen es uns da ja schon etwas schwer mit zu tun, einfach glücklich zu sein. Wissenschaftler veröffentlichen jedes Jahr eine Art Glücksaltlas für die Weltbevölkerung. Sie befragen ganz viele Menschen aus ganz vielen Ländern danach, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Dabei fällt wieder einmal auf, dass materieller Reichtum und Lebensglück nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben.
Denn wir Deutsche landen zwar bei der Frage nach unserem Wohlstand, der medizinischen Versorgung und der Qualität unserer Wohnungen immer auf den ersten Plätzen, aber in der Frage, wie zufrieden und glücklich wir sind, haben wir es gerade einmal auf Platz 35 geschafft.
Und die Tendenz dabei ist schon beunruhigend. Auch wenn wir es schon immer geahnt haben, aber es geht tatsächlich immer leicht bergab. Denn die Untersuchung wird bereits seit Ende des zweiten Weltkrieges durchgeführt und daraus lässt sich ablesen, dass wir einerseits immer wohlhabender und andererseits immer unzufriedener mit unserem Leben werden. Warum auch immer.

Vielleicht steckt die Unzufriedenheit ganz tief in uns drin. Der Kabarettist und Arzt Eckhard von Hirschhausen treibt diesen Gedanken auf die Spitze, wenn er behauptet, dass wir Deutschen über ein Hirnteil verfügen, das andere Nationen nicht haben. Neben dem Stirnlappen, der für das Planen zuständig ist und dem Seitenlappen, der unsere Eindrücke, Ideen und Erinnerungen miteinander verknüpft, besitzen wir den sogenannten Jammerlappen.
Er hat zwar keine direkte Verbindung zum Auge, kann aber jedes Unglück selbst bei völliger Dunkelheit kommen sehen. Er hat keinen Zugang zum Gedächtnis, aber er erinnert sich sehr genau, dass früher immer alles besser war. Der Jammerlappen ist die Instanz, die uns daran hindert wirklich glücklich zu sein.

Eine andere Ursache, warum es uns oft schwerfällt, einfach einmal mit gutem Gewissen und ausgelassen glücklich zu sein, könnte darin liegen, dass es tief in uns drin steckt, dass wir schuldige und fehlerhafte Menschen sind und auch gerne die Fehler bei anderen Menschen suchen.
Wenn nirgendwo ein Unfall geschieht, dann stellen wir oft zwei Fragen hintereinander: 1. Wie viele Tote und Verletzte und 2. Wer hat Schuld? Wer muss die Verantwortung tragen? Und Schuld hat immer einer.
Wenn an einem Fließband in der Produktion etwas schief läuft, dann muss auch hier der Schuldige gesucht und gefunden werden. Erst dann kann der Alltag wieder einkehren. Ein rollender Kopf sorgt für ein ausgewogenes Gleichgewicht. Mit so einer Haltung fällt es schwer, wirklich glücklich seinen Alltag zu bestreiten. Jemand sagte einmal: „Aus dem deutschen Volk der Dichter und Denker ist ein Volk der Richter und Henker geworden.“

Wer meint, das sei doch durch und durch menschlich, der irrt sich gewaltig. Der Jammerlappen gehört uns. So werden zum Beispiel bei der japanischen Firma Toyota Prämien ausgeschrieben für Mitarbeiter, die einen Fehler im Produktionsvorgang finden. Hier geht es nicht um die Frage, wer den Fehler verursacht hat, sondern es geht allein darum, wie die beste Lösung gefunden werden kann.

Viele von uns sind mit einem sehr starken Schulddenken geistlich groß geworden. Man hat uns beigebracht, dass es in unserem Leben als Christen ganz stark darum geht, dass wir immer bessere Menschen werden und das wir jeden Bereich unseres Lebens optimieren und so gestalten, dass es Gott ehrt. Grundsätzlich ist das richtig, aber in der Realität hat das bei vielen dafür gesorgt, dass sie in eine brutale Werksgerechtigkeit zurückgekehrt sind und versucht haben, aus eigener Kraft heraus immer besser zu werden und sich immer mehr Jesus hinzugeben. Jede kleine Sünde, jeder Tag, der keinen Sieg verbuchen konnte, war ein schlechter Tag. Viele von uns hat das in eine tiefe Traurigkeit und Verzweiflung hinein getrieben. Weil sie sich ständig Gott gegenüber schuldig gefühlt haben.
Ich habe in einem Buch ein Gebet gelesen, das mit den Worten begann: „Gott, statt dich mehr und mehr zu lieben, habe ich über Jahre hinweg dich mehr hassen gelernt. Du warst für mich ein Gott, der mir ständig meine Schuld vor Augen führt und meine Unfähigkeit mich zu ändern mit meinem andauernden Scheitern belegst. Ich kann nie so werden, wie ich in deinen Augen sein soll.“

Wenn du so lebst und glaubst, dann ist es schwer, wirklich glücklich zu sein. Und eine Jahreslosung, in der es darum geht, dass unsere Nähe zu Gott unser Glück sind, muss dann unglaublich hol und kraftlos wirken, oder?

Wie kann ich glücklich darüber sein, Gott nah zu sein, wenn er mich ständig daran erinnert, wie unvollkommen und schuldig ich letzten Endes vor ihm bin, egal, wie viel Mühe ich mir gebe. Wäre es hier nicht besser, wenn Gott ganz weit weg wäre?

Das Gegensatzwort von Glück ist übrigens nicht Unglück. Denn wer in seinem Leben viel Unglück erlebt, viele Katastrophen durchmachen muss, der kann durchaus noch glücklich sein. Glücklich mitten im Chaos. Denkt an Menschen wie Paul Gerhard, die ganz viel Unglück erlebt haben. Er hat den größten Teil seiner Familie selber beerdigt, hat die Auswirkungen des 30-jährigen Krieges erlebt und war über viele Jahre arbeitslos. Er wusste oft nicht, wie es weitergehen soll und trotzdem drücken seine Lieder ganz viel Dankbarkeit und Lebensfreude aus.
Oder denkt an den Choral „In dir ist Freude, in allem Leide.“ Wir können scheinbar trotz Unglück immer noch glückliche Menschen sein.
Nein, das Gegensatzwort von Glück ist nicht Unglück, sondern Depression. Glück ist ein tiefes inneres Gefühl, das Leben intensiv zu erleben und zu leben. Wer glücklich ist, spürt eine tiefe innere Lebensfreude.
Wer depressive Tage kennt oder dauerhaft darunter leidet, der weiß, wie schwer es ist, ohne solche Glücksmomente auskommen zu müssen. Das tut einfach nur weh.
Somit hat Glück auch immer eine soziale Komponente. Wenn wir glücklich sind, dann lassen wir uns gern auf andere Menschen ein und ertragen auch viel einfacher schwierige Menschen. Wir sind gelassener und großherziger.
Ein Kennzeichen der Depression ist es, dass wir uns abkapseln, uns einigeln und das Gefühl haben, wirklich ganz und gar einsam zu sein. Wer glücklich ist, ist auch offen für andere.

Die große Frage ist natürlich: wie werden wir zu glücklichen Menschen? Denn ich vermute, dass jeder von uns genau das möchte.

Manche versuchen das auf einem sehr merkwürdigen Weg, in dem sie sich Glücksbringer anschaffen. Irgendwelche Gegenstände, die dafür sorgen sollen, dass sie das Glück nach Hause bringen.
Die Hasenpfote. Wobei ich bei der besonders nachdenklich werde. Denn der Hase hatte ursprünglich vier davon und das hat ihm offensichtlich kein Glück gebracht.
Der Schornsteinfeger. Der angeblich neben etwas Ruß und der Jahresendabrechung auch das Glück ins Haus bringt. Ein echtes Argument gegen Fernwärme, denn dann kommt er nicht mehr.
Oder das vierblättrige Kleeblatt. Wobei wir auch hier einschränkend sagen müssen, dass das immer auch eine Frage des Standpunktes ist. Denn wenn dieses Kleeblatt direkt neben einem Atomkraftwerk wächst und vier oder vielleicht sogar fünf Blätter hat, dann sollten wir drauf verzichten Glückshormone freizusetzen und die Zeit lieber dazu nutzen, so schnell wie möglich zu verschwinden.
Wobei uns dieses Kleeblatt interessanterweise hin zu Jesus bringt. Denn das es ein Glücksymbol ist, liegt weniger daran, dass es besonders selten ist, sondern an seiner Form. Christen im Mittelalter sahen das vierblättrige Kleeblatt deswegen als Glückbringer, weil es die Form eines Kreuzes symbolisiert.
Darum sollte das Kleeblatt sie immer daran erinnern, dass Jesus derjenige ist, der ihnen das wirkliche Glück gebracht hat und bringt.

„Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“

Gott nahe zu sein bedeutet, dass wir dort sind, wozu wir geschaffen wurden. Er hat uns ja gerade gemacht als Ebenbilder und die ganze Bibel ist randvoll mit der Botschaft, dass er will, dass wir eine Beziehung zu ihm haben. Eine Beziehung, die weit über den Tod hinaus geht. Dafür sind wir geschaffen. Von Gott entfernt zu sein, ist darum ein sinnloses Leben. Wie ein Werkzeug, das ungebraucht im Schrank liegt. Wie ein Haus, das nicht bewohnt wird oder wie ein Buch, indem wertvolle Dinge stehen, das aber nicht gelesen wird. Man kann alle diese Dinge ansehen und vielleicht schön finden, aber wenn wir sie nicht für das einsetzen, für das sie geschaffen wurden, sind sie sinnlos.
Genauso ist es mit unserem Leben, das wir von Gott entfernt leben. Da können schöne Dinge vorkommen, aber nichts davon wird bleiben, wenn wir gehen. Nichts davon können wir mitnehmen. Und wenn wir das verstanden haben, dann werden wir feststellen, wie sinnlos ein Leben ohne Gott wirklich ist und wie leer und wie ziellos.
Glücklich werden wir, wenn wir nach Hause kommen. Wenn unser Leben dort stattfindet, wozu es geschaffen wurde.
Und so wurde Jesus für uns zum Glücksbringer. Weil er sich ja gerade aufgemacht hat, um uns nach Hause zu holen. Und wieder zurückzubringen in die Beziehung mit dem Vater. Weil er dafür gesorgt hat, dass nichts mehr zwischen uns und Gott steht. Wir brauchen keine Angst mehr vor ihm zu haben und wir müssen und für unsere Unvollkommenheit nicht schämen.

Weil Jesus für mich stark war, bin ich frei, schwach zu sein.
Weil Jesus für mich gewonnen hat, bin ich frei, um zu verlieren.
Weil Jesus ein Jemand ist, bin ich frei, ein Niemand zu sein.
Weil Jesus ganz besonders ist, bin ich frei, gewöhnlich zu sein.
Weil Jesus für mich erfolgreich ist, bin ich frei, zu scheitern.

(Tullian Tchividjian)

Alles das, aus dem der Stoff ist, um und in eine geistliche Depression zu treiben, wurde uns von ihm abgenommen.
Wir dürfen tatsächlich als freie und von Schuld befreite Menschen Gott nahe sein. Hier finden wir unser Glück.

Das klingt jetzt für die einen vertraut und für die anderen typisch fromm. Und für andere vielleicht eher befremdet, weil für sie Glück und Gott keine Begriffe sind, die zusammengehören.
Glück ist für sie vielleicht ein besonders schöner Moment oder ein Gefühl, das sie genießen, aber keine geistliche Erfahrung.

Um zu verstehen, warum wir so ticken, macht es Sinn, dass wir noch einen Blick in unser Gehirn werfen. Dort wirken zwei Hormonsysteme, die sich eigentlich wiedersprechen. Das eine ist das Dopaminsystem und das andere das Oxytoccinsystem.
Beide haben etwas mit unserem Glücksempfinden zu tun.

Wenn wir ein Stück Schokokuchen essen, dann kann uns das durchaus glücklich machen, weil in diesem Moment die Dopaminproduktion angekurbelt wird. Für einen Augenblick fühlen wir uns gut. Aber Dopamin hat keine Langzeitwirkung. Irgendwann pendelt sich unser Glückgefühl wieder auf Null ein. Die mögliche Reaktion darauf wäre entweder das nächste Stück Kuchen oder wir versuchen, auf andere Weise Dopamin freizusetzen – das kann der gleitende Übergang zum Abendessen sein, schöne Musik, Sport oder was auch immer. Wir können auf diese Weise uns von einem Glückskick zum nächsten hangeln.

Die fromme Variante davon wäre die, dass wir darauf achten, vor allem Gottesdienste zu besuchen, die möglichst aufregend sind und in denen wir viel erleben.
Dopamin lebt von Spannung, davon etwas erreichen zu wollen, etwas zu begehren und davon, ständig etwas Neues zu erleben. Das lässt uns neugierig bleiben, macht uns aber auf Dauer nicht glücklich, sondern nur müde oder dick.

Das andere Hormon ist das Oxytoccin. Es dauert ein wenig, bis es freigesetzt wird. Wir erleben es, wenn wir uns längere Zeit auf etwas konzentrieren und dann ganz darin aufgehen. Wenn Freundschaften immer mehr in die Tiefe wachsen und aus dieser Vertrautheit das Gefühl erwächst: Ich will dich nie wieder verlieren. Wenn es nicht mehr um die Frage geht: Was kann ich mit dir erleben, sondern die Überzeugung so sonnenklar im Raum steht: Es ist so wunderschön, dich zu kennen und dir nah sein zu können.
Hier geht es mit einem mal darum, jemanden um seiner selbst willen zu lieben und dabei zu merken, wie diese Beziehung uns unendlich glücklich macht.
Hier fragen wir nicht: Was habe ich von dir, wenn ich Zeit mit dir verbringe? In solchen Momenten wollen wir einfach an keinem anderen Ort mehr sein.
Und das, was wir im Kleinen in solchen Momenten mit anderen Menschen erleben ist das, was wir im Großen für immer mit Gott erleben werden.

Mit Gott verbunden zu sein und zu bleiben, macht uns unendlich reich und unendlich glücklich.