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Christian Wulff

Ich habe mir gerade die Rücktrittserklärung unseres Präsidenten angehört und versuche aus dem schlau zu werden, was da passiert ist.
Sicher, er hat Fehler gemacht und scheinbar hat er in seiner Rolle als Ministerpräsident Menschen Vorteile eingeräumt. Ich würde den Ärger und den Druck auch verstehen, der auf ihn ausgeübt wird, wenn wir in einer anderen Kultur leben würden. In einer Kultur, in der man nicht über die lacht, die selbst bei der Steuererklärung bei der Wahrheit bleiben, wo der Ehrliche nicht der Dumme ist und wo nicht ständig danach geschaut wird, wie man dafür sorgt, jeden auch noch so kleinen Vorteil für sich zu nutzen.

Ich würde den Protest verstehen, wenn Menschen, die unser Land führen danach ausgesucht und beurteilt werden, ob sie tatsächlich unserem Land dienen wollen, statt danach, ob sie unterhaltsam sind und die Steuern senken.

Christian Wulff ist sich sicher, dass die Vorwürfe, die man ihm macht, restlos aufgeklärt werden, aber ganz ehrlich: Wer will das denn jetzt noch? Ist das denn jetzt noch nötig?
Kann es sein, dass es gar nicht um Ehrlichkeit und Neutralität ging, sondern vor allem um die Kritik an der Institution des Bundespräsidenten? Darum, es „denen da oben“ mal wieder gezeigt zu haben und darum, mal ein wenig Macht zu fühlen?

Den alten Vorschlag von Jesus, dass derjenige, der ohne Schuld ist, den ersten Stein werfen soll, finde ich gerade in diesem Zusammenhang immer noch unübertroffen gut.

Barmherzigkeit.
Vergebung.

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4 Kommentare

  1. Diese Erklärung passt jedenfalls in eine Kultur, in der Schuld nicht mehr bekannt wird, sondern es reicht, „zu seinen Fehlern zu stehen“ – natürlich ohne Konsequenzen zu ziehen. Bemerkenswert finde ich, dass die Erklärung frei ist von der leistesten Spur von Selbstkritik (jenseits von „ich habe Fehler gemacht“ – Subtext: „wie wir alle“) oder Einsicht. Schuld sind immer die anderen – keine gute Basis für Vergebung.
    Und: Wir leben in einer Kultur, in der einem Lehrer oder Polizisten ein Disziplinarverfahren droht, wenn er ein Geschenk im Wert von mehr als 10 Euro annimmt.
    Erschütternd finde ich, dass die meisten, die bisher einen Rücktritt von Wulff abgelehnt haben, das offenbar nicht taten, weil sie von seiner Unschuld überzeugt waren, sondern weil das ja schließlich alle so machen (und weil wir nicht noch einen Präsidenten bis ans Lebensende alimentieren wollen). Das ist aber ein Schlag ins Gesicht für alle, die tatsächlich aufrichtig ihrem Land dienen – und ich bin immer noch überzeugt, dass es davon viele gibt.
    Im Übrigen glaube ich nicht, dass es darum ging, es „denen da oben“ zu zeigen – zumindest richtet sich diese Wut nicht gegen den Präsidenten oder diese Institution, die ja bisher immer äußerst beliebt war. Dass sich das geändert hat, hängt sicher auch mit der unwürdigen Art und Weise zusammen, wie dieser Präsident installiert wurde.
    Zum Thema Vergebung: Gut fand ich, was Björn Engholm neulich in einer Talkshow sagte, aus eigener Erfahrung: „Jeder soll eine zweite Chance bekommen. Aber nicht notwendigerweise im selben Amt.“

  2. In der inzwischen entstandenen Situation glaube ich bin ich froh, dass Wulff zurückgetreten ist. Zwar stimmt es wohl, dass Machtspiele zu einer Hetzjagd auf einen – sicher nicht ganz unschuldigen, aber wer ist das schon – Menschen geführt haben, aber dieser Mensch hat die Aufgabe, ein Land zu repräsentieren. Ja, wer ohne Schuld ist werfe den ersten Stein – dumm nur, dass der schon im Dezember geflogen ist. Es ist einfach nicht gut, wenn der Bundespräsident wegen solchen Dingen wie Wulff in den Medien ist, unabhängig davon, ob die Anschuldigungen stimmen oder nicht. Für die Zukunft hingegen sollten wir uns überlegen, a) wie wir mit anderen Menschen umgehen und b) wen wir (oder unsere Repräsentanten) in Ämter wählen bzw. wer sich wählen lassen wird in Zukunft! Hat nicht jeder einen Blinden Fleck?
    Ich hoffe nur, dass der Nachfolger wieder wegen seiner Aussagen (positiv) in die Medien kommt und nicht wegen Affären jedweder Art.

  3. @ Für die Zukunft hingegen sollten wir uns überlegen, a) wie wir mit anderen Menschen umgehen
    evtl. etwas offtopic, da nicht auf Herrn Wulff bezogen.

    Das frage ich mich schon seit langem, wie gehen wir (insbesondere) mit unseren Prominenten um. Und ich meine nicht die Debatte Vorteilsnahme, sondern vielmehr auch Personen wie Robert Enke, Michael Jackson, Whitney Houston – Personen des öffentlichen Lebens, die anscheinend eines gemeinsam haben: sie kamen mit ihrem Leben nicht mehr klar, hatten (womöglich aufgrund ihrer Prominenz) keine Freunde, keinem dem sie sich anvertrauen konnten. Stattdessen werden sie von Paparazzis verfolgt, die sich wiederum etwas zu sehr für ihr Privatleben interessieren.

    Das macht mich viel betroffener. Kann ich was tun – außer beten!?

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