Lebende Systeme

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In seinem wirklich guten Buch Vergessene Wege: Die Wiederentdeckung der missionalen Kraft der Kirche schreibt Alan Hirsch von einer Entdeckung, die er als Pastor einer großen Gemeinde vor einigen Jahren gemacht hat:

„Als wir als Gemeinde wuchsen und mehr und mehr klassische Gemeindewachstumsprinzipien anwendeten, wurde es für uns immer schwerer, Gott inmitten dieses technischen Systems zu entdecken, das wir für nötig hielten, um „Kirche am Laufe zu halten“. (…) Unsere Leitungsaufgaben wurden immer mehr Verwaltungsaufgaben. (…) Das Leben der Menschen unserer Gemeinde wurde immer stärker durch unsere Programm gefüllt, so dass sie immer weniger aktive Beziehungen zu Menschen außerhalb hatte.“

Diese Entdeckung ist nicht neu, sondern etwas, was in vielen Gemeinden weltweit zu Hause ist. Hirsch machte aber nun nicht den Fehler und suchte nach einem neuen Konzept, um alles irgendwie anders zu machen, was vermutlich nur dazu geführt hätte, mit einem neuen Boot im alten Fahrwasser zu landen.

Er dachte etwas länger nach und versuchte neu zu verstehen, was es bedeutet, dass Gemeinde ein lebendes System ist. Dabei ging es ihm darum, seine Organisation um das Leben selbst, seinen Rhythmus und seine Struktur herum aufzubauen.
Dabei macht er dann erst einmal einen Ausflug in das Land der Theorien und staubtrockenen Gedankengänge. Das ist ganz interessant, aber das können wir uns gleichzeitig hier auch sparen. Viel nachdenkenswerter finde ich seine Schlussfolgerungen.
Hier der Versuch einer Zusammenfassung:

  1. Jede Ortsgemeinde trägt in sich alles, was sie braucht, um zu leben, zu überleben und um sich einer sich verändernden Kultur anzupassen. Auch wenn sie nur ein Teil des Leibes Christi ist, ist sie doch in sich vollständig, egal wie groß oder klein sie auch ist.
  2. Die Aufgabe der Leitung besteht vor allem darin, Menschen darin zu fördern, dass sie sich mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten einsetzen können. Weiter muss eine Leitung dafür verantwortlich sein, dass Informationen weitergegeben werden und Ideen gemeinsam entwickelt werden.
  3. Eine gute und gesunde Leitung ist in der Lage, wichtige, dem Ziel und Auftrag dienende Informationen weiterzugeben und von unwichtigen Informationen zu trennen. Es geht dabei nicht darum, Informationen zu zensieren, sondern eben um wichtige und genaue Informationen für das System. Dieser Vorgang wird auch „Verwaltung von Sinn“ genannt, denn mit der Auseinandersetzung von sinnvollen Informationen wird eine Gemeinde besser reagieren, leben und arbeiten können. Zu diesen Informationen gehören weniger die tollen Veranstaltungen in der Nachbargemeinde, sondern vor allem: die Geschichten der Bibel und die Kernaufgaben der Kirche. Diese müssen dann mit dem eigenen kulturellen und sozialen Kontext in Beziehung gesetzt werden.
  4. Jede Gemeinde muss immer wieder einmal an den Rand des Chaos geführt werden, also dazu herausgefordert zu werden, auf Herausforderungen und Veränderungen ihrer Umwelt reagieren zu müssen. Eine Gemeinde, die sich niemals verändern muss, wird mit der Zeit müde, krank und wird schließlich sterben. Eine Störung soll einen Lernprozess beginnen und die missionale Ausrichtung der Gemeinde wieder neu aktivieren. Darum sind Konflikte in einer Gemeinde lebenswichtig, um reaktionsfähig zu bleiben und um kaputte Dinge aus der Welt zu schaffen.

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