Gott: Ja! Kirche: Nein!

Heute morgen habe ich bei FB einen Satz gepostet, den ich ein paar Minuten vorher im Bus gehört habe. Zwei Frauen unterhalten sich und ein Satz klingt für mich wie fett gedruckt: “Weißt du, ich bin atheistisch aufgewachsen und finde die Kirche total bescheuert, aber ich merke, wie sehr ich Gott brauche.”
Ich habe auch geschrieben, dass mich solche Sätze immer sehr nachdenklich machen und das tat dieser eben auch. Leider kam ich nicht dazu, ein paar Stunden gemütlich am Strand darüber nachzusinnen, aber zwischendurch drängten sich die Worte dieser Frau in meinen Alltag hinein. Ich könnte es mir leicht machen und den Satz der Frau einfach unter der Rubrik „typisch postmoderne Institutionskritik“ abheften. Nein, damit wäre das Problem selber nicht gelöst, aber so verallgemeinert, dass es einem Theologen, der seine Kirche liebt, weniger weh tut. Will ich aber nicht und um hier einmal meinen Zahnarzt zu zitieren: „Manchmal muss es eben ordentlich weh tun, wenn man Heilung will.“

Hier mal ganz schemenhaft, das, was mir heute alles durch den Kopf gegangen ist, wenn ich über den Satz der Frau im Bus nachgedacht habe:

Erst einmal ist es ja wirklich erstaunlich, dass Gott seine Kirche offensichtlich Menschen anvertraut, die nicht nur theoretisch eine Menge kaputt machen können, sondern es auch tatsächlich tun. Stell dir vor, jemand kommt zu dir und sagt: „Ich habe gestern meinen Wagen geschrottet. Komisch, so was passiert mir ständig. Erst letzte Woche habe ich den Golf von meiner Schwester unter einen LKW gesetzt – total Schrott das Ding. Sag mal, was ich eigentlich fragen wollte: Kann ich übers Wochenende dein Auto haben? Ich will mit ein paar Freunden ein wenig feiern gehen.“ Hand hoch, wer von euch würde sagen: „Klar, ich hole eben die Schlüssel?“ Gott scheint uns ständig die Autoschlüssel in die Hand zu drücken und uns machen zu lassen. Entweder ist er sehr naiv oder er ist tatsächlich hemmungslos in uns verliebt. Alles andere macht für mich wenig Sinn.

Dann finde ich es traurig, wie Kirche wahrgenommen wird. Es stimmt, es gab und gibt Dinge in und an der Kirche, wo auch ich gar nicht laut genug schreien kann. Und doch sind da auch so viele Dinge, die einfach nur atemberaubend. Es gibt unendlich viele Berichte über Menschen, die durch Kirche zum ersten Mal erlebt haben, wie es ist, wirklich angenommen und geliebt zu werden. Kirche ist für andere der Ort geworden, an dem Erlösung und Vergebung nicht bloß Worthülsen, sondern ein Lebensgefühl wurde. Kirche bewegt etwas, sie prägt ihre Umgebung an unendlich viele Orten positiv. Ich war vor ein paar Wochen in Thailand und habe erlebt, dass sich Compassion, eine christliche Organisation, allein in diesem Land um rund 35.000 arme Kinder kümmert und ihnen eine Zukunft ermöglicht. Menschen kommen in einen Gottesdienst, kommen immer wieder, stellen ihre Fragen und begreifen nach und nach, dass es Gott wirklich gibt und sie mit ihm eine persönliche Beziehung haben können.
Woran liegt es, dass solche Dinge scheinbar nicht gesehen werden, während der Skandal um einen Priester, der Kinder sexuell missbraucht, dafür sorgt, dass Tausende ihre Mitgliedschaft kündigen und sie angewiedert von der Kirche abwenden? Bitte versteht mich richtig: jeder Missbrauch ist schlimm und ich das auch nicht relativieren, aber lasst uns auch einmal über die anderen, guten Dinge reden, die wirklich gut sind und die es ohne Kirche nicht geben würde.

Es ist so wichtig, dass wir miteinander reden. Und zwar diejenigen, die tief frustriert sind von der Kirche mit denen, die von ihrer Kirche begeistert sind. Und mit Reden meine ich vor allem: zuhören. Hiermit lade ich jeden, der von Kirche nichts mehr wissen, will, weil sie ihn tief verletzt hat auf einen Kaffee ein. Ich zahle.

Wir sollten auch reden, wie eine Kirche für die aussehen müsste, die eine unglaubliche Sehnsucht nach Gott haben und gleichzeitig in den gängigen Modellen von Kirche Hautausschlag bekommen.
Nennen wir es nicht Kirche, sondern Gemeinschaft derer, die auf dem Weg sind oder wie auch immer. Nur motzen bringt uns auch nicht weiter. Lasst uns träumen und Pläne machen. Lasst uns von einer Kirche träumen, die vielleicht ganz anders ist und in der es leicht ist, Gott immer besser kennen zu lernen.

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3 thoughts on “Gott: Ja! Kirche: Nein!

  1. Der Satz hätte auch von mir stammen können. Aber über die Gründe und Ursachen kann man endlos debattieren. Ein Hauptproblem z.B. ist m.E. folgendes: “Christentum” funktioniert (in D.) immer noch fast ausschliesslich in kirchlich-institutionellen Schienen, aber ich glaube, grade diese spirituelle Sehnsucht lässt sich schlecht in diese Schemata pressen. Kirchen funktionieren immer über restmoderne drinnen/draussen-Abgrenzungen, die vielen (und auch mir) mittlerweile viel zu albern sind. Daher halte ich die Frage von institutionellen Kirchen, wie denn eine Kirche für “solche Leute” aussehen müsste, für schon im Kern verfehlt, denn es wären immer nur “Angebote”, hinter denen sich immer die eine Institution versteckt. Sowas müsste von Leuten selber kommen, die mit Kirchen und Gottesdiensten und dem ganzen Quatsch nichts am Hut haben. Und die würde man dann vielleicht sogar gar nicht als Kirche erkennen. Wayne Jacobsen arbeitet ja viel in dieser Richtung.

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