Ich brauche keine Erweckung

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Ich gehöre zu den Leuten, die sich seit einigen Jahren die Frage stellen, wie Kirche in Zukunft aussehen kann. Gleichzeitig frage ich mich, wie wir bestehende Gemeinden auf dem Land mit neuem Leben füllen können. Richtig, das sind erst einmal zwei verschiedene Fragen. Sie haben aber eine Menge gemeinsam.

Zum Beispiel die Frage:

Wie schaffen wir es, die ganzen guten Ideen auch umzusetzen?

An dieser Stelle höre ich oft eine Antwort, die in etwa so klingt: „Wir brauchen nicht nur gute Konzepte, sondern vor allem Christen, die bereit sind, auch diese Konzepte umzusetzen. Dazu müssen Christen  neu Feuer fangen für die Menschen, die Jesus noch nicht kennen. Wir brauchen also  eine Erweckung in unseren Gemeinden. Eine neue Kirche muss von innen nach außen wachsen.“

Das hört sich richtig an.
Das hört sich sehr geistlich an.
Hier nicken alle gerne.
Ich hab es trotzdem einmal hinterfragt.

Zwei Gedanken dazu:

  1. Ich staune darüber, was Menschen tun können und wie sehr sie sich aufopfern. Ganz gleich, ob es um den Syrer geht, der gerade für einen politischen Umbruch in seinem Land kämpft und dafür bereit ist, sein Leben und seinen ganzen Besitz aufs Spiel zu setzen. Oder auch der Marathonläufer beim Irionmen, der bereit ist, die Schmerzgrenze hinter sich zu lassen und stundenlang durch die sengende Hitze läuft. Diese Menschen wurden dazu vermutlich nicht vom Geist Gottes inspiriert, aber sie tragen eine unglaubliche Motivation in sich. Muss ich wirklich eine Erweckung abwarten, um bereit zu sein, die Grenzen meiner eigenen Bequemlichkeit zu überwinden? Ich denke nicht.
  2. Wenn ich sage, dass wir erst eine Erweckung brauchen, dann unterstelle ich nahezu jedem Christen (bis auf denen, die gerade die richtigen Bücher lesen), dass sie schlafen, geistlich durchhängen und selbstgenügsam vor sich hinleben. So eine Unterstellung stet auf sehr wackeligen Beinen. 
Mein Wahrnehmung ist die, dass es Christen in unseren Gemeinden gibt, die wirklich brennen, die eine unglaubliche Sehnsucht danach haben, dass sich noch einmal in ihrer Nachbarschaft etwas tut, dass Menschen um die herum neu begreifen, wie sehr Gott sie liebt und dass die Kirche tatsächlich die Hoffnung der Welt ist. 
Dann gibt es diejenigen, die leicht zu begeistern sind, die gute Impulse brauchen, um angesteckt zu werden. Sonst wären Seminare mit Michael Frost oder Willowcreek-Tagungen nicht so erfolgreich. Hier bricht auch keine Erweckung aus, sondern hier begeistern die richtigen Menschen die richtigen Zuhörern mit den richtigen Worten. 
Dann gibt es die Ängstlichen, die die Schweißausbrüche bekommen, wenn sie das Wort Veränderung hören. Sie haben oft das Herz an der richtigen Stelle, aber sie bekommen Lähmungserscheinungen, wenn sie über ihren eigenen Schatten springen sollen. 
Dann gibt es die Betonköpfe. Diejenigen, die im Gemeindevorstand nur deswegen sitzen, um darauf zu achten, dass sich auch nichts ändert. Die Bremser, die grundsätzlich gegen alles sind und die kein Problem damit haben, dass Menschen um sie herum geistlich verrotten, solange es ihnen gut geht, die Bibelstunde stattfindet und der Gottesdienst am Sonntag so wie immer verläuft und die mitzählen, wie oft Jesus in einer Predigt erwähnt wird. Alles andere interessiert sie nicht.
    Und dann gibt es die vielen anderen, die irgendwo dazwischen sind und die einen oder mehrere Typen in sich vereinen oder die noch einmal ganz anders sind. Kurz: Es gibt nicht DIE Christen und viele Christen sind motiviert und bereit, etwas zu bewegen, wenn wir es schaffen, den Funken überspringen zu lassen, auch ganz ohne Erweckung. 

Nun habe ich wirklich nichts gegen Erweckung und ich wäre Gott unendlich dankbar, wenn er sie uns schenken würde.

Aber hat Jesus gesagt:

„Wartet die Erweckung ab und dann läuft es schon irgendwie“ oder waren seine Worte: „Geht hin in die ganze Welt … “?

Zum Schluss ein paar Thesen, die vielleicht dabei helfen, Menschen aus unseren Gemeinden für eine neue Form von Kirche oder für eine Neubelebung ihrer Gemeinde zu gewinnen:

  1. Wir müssen aufhören, den Lauten die Macht in der Gemeinde zu überlassen. Oft sind es gerade die, die schon aus Prinzip bremsen, die mit Austritt drohen, wenn wir wagen, etwas zu verändern. Als Leiter ist es nicht in erster Linie unsere Aufgabe, neue Freunde in der Gemeinde zu finden. Wir müssen es nicht allen recht machen. Wir sollen den Menschen dienen, wir sollen sie lieben, aber wir gehören ihnen nicht und unsere Zukunft hängt nicht von ihrem Wohlwollen ab, sondern liegt in den Händen Gottes. 
Darum sollten wir nicht fragen: „Was muss ich tun, damit alle glücklich sind, sondern: „Wie sieht Gottes Plan mit uns aus und wie kann ich möglichst viele dafür gewinnen und begeistern?“
  2. Ziele und Visionen sollten gemeinsam entwickelt werden. Wir sollten den Gedanken sehr ernst nehmen, dass wir alle Priester sind und nicht nur die Hauptamtlichen. Und ein Körper bewegt sich nur dann, wenn viele Muskeln, viele Nerven und das Gehirn eng zusammenarbeiten. Was ich selbst entwerfen darf, werde ich mit einer ganz anderen Begeisterung umsetzen, als einen Plan, den man mir vorlegt und dann sagt: „Mach mal“ 
Auch wenn es in unseren Gemeinden Leiter geben muss, so ist die einzige Hierarchie, die mir einfällt, die zwischen uns allen und Gott als König.
  3. Ängste und Zweifel dürfen keine Tabu-Themen sein. Ich bin immer noch ein „guter Christ“, wenn ich Panik davor habe, dass sich meine Gemeinde und meine Gewohnheiten verändern könnten. Ich darf Angst davor haben, mich Menschen zu öffnen, vor denen ich Angst habe und ich darf daran zweifeln, ob es richtig ist, den normalen Gottesdienst nur noch einmal im Monat zu feiern und an den übrigen Sonntagen auf dem Sportplatz im Dorf zu sitzen, mitzugröhlen und Bier zu trinken. 
Ich darf verlangen, dass mir so ein Schritt sauber begründet wird.
  4. Als Leiter sollten wir (vielleicht neu lernen) mit Worten Bilder (zu) malen, statt Fakten zu präsentieren. Oft reduzieren wir unsere Reden darauf, biblische Wahrheiten aneinanderzureihen, um dann eine Liste herumzugeben, auf die man dann seinen Namen schreiben soll. 
Leiter, es ist unser Job, Menschen zu motivieren. Bleiben wir kurz bei Jobs. Steve Jobs hat es geschafft, Menschen für vollgestopfte Elektrogeräte zu begeistern. Wie lange werden sie halten? 5 Jahre? 10 Jahre? Wir haben eine Botschaft, die deutlich besser ist, als das iPhone und die auch viel länger hält. Wir haben mehr zu sagen, als Jobs jemals zu sagen hatte. Darum macht es Sinn, dass wir auch hart daran arbeiten, wie wir es sagen.

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