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Orpheus, Christus und die Lyra

Darf ich ein wenig ausholen? Ein paar hundert Jahre? Es geht in die griechische Mytholgie. Orpheus ist verliebt. In Eurydike. Das Blöde an der Geschichte: Die Gute stirbt durch einen Schlangenbiss und muss in die Unterwelt. Orpheus ist aber richtig verliebt und entschließt sich zu einem Höllentripp, um seine Traumfrau zurück ins Leben zu holen oder um mit ihr zusammen für immer dort zu bleiben. Er packt seine Lyra ein und macht sich auf den Weg.

Als erstes begegnet er Zerberus, so einer Art antiker Türsteher, der darauf aufpasst, dass wirklich nur die Toten rein kommen. Wer schon mal morgens um 3 in Hamburg auf der Reeperbahn unterwegs war, weiß, was ich meine. Orpheus kommt rein, weil er wohl ziemlich gut Lyra spielen kann und damit den Muskelmann beeindruckt. Und auch Charon, der Typ, der die Toten über den Fluss setzt, ist von dem Geklampfe so beeindruckt, dass er ihn mitnimmt.

So jazzt sich der alte Grieche durch die Hölle und kommt schließlich bei Hardes und Persephone an, die über das Zentrum der Finsternis herrschen. Er erzählt ihnen von seiner Liebe zu Eurydike und rührt die Jungs damit zu Tränen. Schließlich geben sie ihr Okay, dass Orpheus seine Geliebte wieder mit einpacken kann. Na ja, nicht ganz. Sie muss die ganze Zeit hinter ihm herlaufen und er darf sich nicht nach ihr umsehen. Das geht einige Zeit gut, aber da Eurydike noch ein totes Schattenwesen ist und wie wir alle wissen, darum auch keinen Lärm macht, bekommt er Panik, ob sie überhaupt noch hinter ihm ist (was sie die ganze Zeit ist) und dreht sich nach  ihr um. Ende.

Bild 1

Das erste Bild zeigt Orpheus, mit phrygischer Mütze und der Lyra in der Hand. Das zweite Bild sieht fast genauso aus, zeigt aber nicht Orpheus. Wir sehen hier ein Christus-Bild aus Rom aus dem 2. Jhr. n. Chr..
Bild 2

Offensichtlich waren die ersten Christen davon überzeugt, dass die Orpheus-Geschichte ein gutes Bild dafür ist, was Jesus für uns getan hat. Er hat den Himmel verlassen und hat sich zu uns auf die Erde gemacht. Es gibt eine Textstelle im NT, die ziegt, dass er nach seiner Kreuzigung sogar noch einen Schritt weitergegangen ist, um auch den Menschen in der Hölle zu begegnen. Und auch die Liebe hat ihn angetrieben. Die Liebe zu uns und sein Wunsch, für immer mit uns zusammen zu sein.

Nach Ansicht von Clemens, einem Kirchenvater aus dem 2. Jahrhundert, ist auf dem Bild auch die Kirche zu sehen. Und zwar symbolisch als Lyra. Für mich ist das ein unglaublich schönes Bild.

Demnach  besteht der Auftrag der Kirche  darin, an den dunklen Orten eine Melodie zu spielen, die andere Menschen bewegt und verändert. Wir sollen nicht bloß problematisieren. Wir sollen nicht mit leeren Worthülsen, die keiner mehr hören kann und die trotzdem sooft und so brutal abgefeuert werden, Menschen zu Tode langweilen. Wir sollen die Melodie spielen, die Jesus auf uns spielt. Seine Botschaft, seine Liebe, sein Licht. Wir sollen Menschen mit unserer Melodie begeistern und anstecken.

Wir müssen Weihnachten nicht darüber reden, dass wir uns als Mitmenschen mehr im Blick behalten sollen und dass Krieg nicht gut ist. Das wissen wir alle. Wir können bei dem Kind in der Krippe bleiben und darüber reden, wie es die Welt verändert hat und verändern wird.

Und es geht nicht in erster Linie um uns. Christus ist die tragende Kraft, er ist derjenige, der rettet, wir begleiten ihn nur, wir werden von ihm nur getragen, dorthin, wo er sein will. Darum sollte auch immer das, was wie „spielen“ auf ihn hinweisen.

Selbst wenn wir kaputt gingen, scheitert seine Rettungsaktion noch lange nicht. Wir sind nur ein Instrument. Er ist immer größer.

 

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