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Müssen wir uns neu erfinden?

Seit ein paar Tagen geistert ein Gedanke durch meinen Kopf, der nicht neu, aber irgendwie gerade besonders laut ist. Unsere Gesellschaft besteht ja aus vielen Teilsystemen, etwa der Politik, der Wissenschaft, der Kunst usw.. Sie existieren nicht isoliert nebeneinander, sind aber trotzdem in sich selbstständig. Seit der Reformation oder spätestens mit der Aufklärung haben sich diese Teilsysteme mehr und mehr von der Kirche emanzipiert.
Ob das gut oder schlecht für die eine oder andere Seite ist, ist ein ganz anderes Thema. Sicher ist, dass die Kirche dadurch sehr stark an Relevanz verloren hat und dieser äußere Relevanzverlust hält immer noch an und wird immer sichtbarer.

Ich weiß nicht, ob ich damit daneben liege, aber ich bilde mir ein, dass ich seit einigen Jahren nun mehr und mehr auch einen inneren Relevanzverlust wahrnehme. Ich meine damit, unsere Anstrengungen, Kernaufgaben der Gemeinde Jesu mehr und mehr an darauf spezialisierte Organisationen zu delegieren. Wir haben Missionsgesellschaften, die sich um unsere Missionare kümmern, Ausbildungsstätten, die qualitativ hochwertige Studiengänge anbieten und zahllose diakonische Einrichtungen, die unseren Glauben für uns stellvertretend in die Tat umsetzen. Auch das ist nicht neu, erzeugt aber mehr und mehr Passivität, da „unsere“ Aufträge von anderen erfüllt werden.

Hinzu kommt eine radikale Verbreiterung der Angebotsmenge im Blick auf Verkündigung und Seelsorge. War die Predigt am Sonntagmorgen noch vor 300 Jahren alleiniges Zentrum der biblischen Lehre, so schauen wir heute auf eine ständig wachsende Anzahl von Büchern, Zeitschriften, Internetplattformen, Fernseh- und Radiosendungen. Für die Seelsorge ist auch noch der Pastor zuständig, aber neben ihm stehen gleichzeitig Hunderte von Beratern, Coaches, therapeutischen Seelsorgern in bester Lage und zu halbwegs moderaten Preisen.
Eine weitere Beobachtung ist die, dass es so etwas wie eine Gemeindemüdigkeit zu geben scheint. Die Besucherzahlen im Gottesdienst gehen zurück, falls deine Gemeinde nicht zu einer dieser hippen attraktionalen Veranstaltungszentren gehört, die mit ziemlich guter Musik, unterhaltsamen Predigten und gut aussehenden Besuchern die Leute anzieht.

Wir sagen, die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt, aber ist das oft nicht mehr, als eine leere Worthülse? Brauchen wir sie in der Form, wie wir sie heute noch kennen, überhaupt noch? Wir haben genug Alternativen.
Was würde dir fehlen, wenn es deine Gemeinde vor Ort nicht mehr geben würde? Und was würde den Menschen in deiner Stadt wirklich fehlen?
Ich glaube daran, dass Gemeinde Jesu kein Auslaufprodukt ist, aber ich frage mich, ob wir sie nicht neu erfinden müssen. Und wenn ja, was das genau bedeutet.
Ein missionlaer Ansatz klingt erst einmal sehr schlüssig und es gibt wertvolle Beispiele von Gemeinden, die in dieser Richtung unterwegs sind, aber ist das die einzige Antwort? Was ist mit den Gemeinden, die in sich so müde geworden sind, dass schon die Organisation eines Straßenfestes wieder einmal darin endet, dass drei alles machen und der Rest an dem Tag woanders ist?
Ich denke über dieses Thema schon sehr lange nach. Vielleicht ist es an der Zeit, hier radikaler zu denken, statt kleine Veränderungen aneinander zu reihen.

Ich habe hier auch keine wirklich guten Antworten, aber vielleicht habt ihr sie.

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