Macht Gott glücklich?

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Schlagermusik ist in Deutschland nach wie vor ein Renner. Andy Borg, Costa Cordales, DJ Ötzi und viele andere verdienen Millionen mit ihren Titeln. Und auch wenn ihre Musik sich immer noch unterscheidet, so haben sie etwas gemeinsam: Es geht in den Texten immer um das Thema Glück, darum, wie sie ein glückliches Leben anfühlt oder wie man am besten die Sorgen mal loslassen kann. Es geht um Liebe und es geht um die anderen schönen Momente im Leben.
Niemand singt einen Schlager darüber, wie anstrengend es sein kann, eine neue Arbeitsstelle zu suchen oder wie grausam es ist, von seinem Ehepartner misshandelt zu werden.
Das hat weniger damit etwas zu tun, dass Schlagermusiker in erster Linie Menschen sind, die niemals Probleme haben, sondern es geht um die Sehnsucht in uns drin. Wir wollen glückliche Menschen sein. Wir vermissen die Leichtigkeit, die wir damit verbinden. Darum hören wir Schlager, um wenigstens ein wenig das Gefühl zurückzubekommen.
Auch die Werbung hat längst erkannt, wie sehr wir uns nach Glück sehnen. Achtet einmal darauf, wie viele Produkte mit dem Etikett „Glück“ beworben werden. Wenn in der Werbung Familie beim Essen zusammensitzen, dann strahlen sie immer voller Begeisterung. So wird selbst die schnöde Tiefkühlpizza zum echten Glücksbringer.
Es gibt Hundefutter, bei dem der Hersteller verspricht, dass mein Hund davon glücklich wird. Wobei ich bis jetzt immer dachte, dass das nur die Glückspilze aus Holland schaffen. TUI hat Angebote im Programm, die mir die glücklichsten 2-3 Wochen des Jahres versprechen, wenn ich bei ihnen buche. Kauf mich und du wirst glücklich. Endlich.
Wenn es denn so einfach wäre.

Und vor allem wir Deutsche scheinen es uns da ja schon etwas schwer mit zu tun, einfach glücklich zu sein. Wissenschaftler veröffentlichen jedes Jahr eine Art Glücksaltlas für die Weltbevölkerung. Sie befragen ganz viele Menschen aus ganz vielen Ländern danach, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Dabei fällt wieder einmal auf, dass materieller Reichtum und Lebensglück nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben.
Denn wir Deutsche landen zwar bei der Frage nach unserem Wohlstand, der medizinischen Versorgung und der Qualität unserer Wohnungen immer auf den ersten Plätzen, aber in der Frage, wie zufrieden und glücklich wir sind, haben wir es gerade einmal auf Platz 35 geschafft.
Und die Tendenz dabei ist schon beunruhigend. Auch wenn wir es schon immer geahnt haben, aber es geht tatsächlich immer leicht bergab. Denn die Untersuchung wird bereits seit Ende des zweiten Weltkrieges durchgeführt und daraus lässt sich ablesen, dass wir einerseits immer wohlhabender und andererseits immer unzufriedener mit unserem Leben werden. Warum auch immer.

Vielleicht steckt die Unzufriedenheit ganz tief in uns drin. Der Kabarettist und Arzt Eckhard von Hirschhausen treibt diesen Gedanken auf die Spitze, wenn er behauptet, dass wir Deutschen über ein Hirnteil verfügen, das andere Nationen nicht haben. Neben dem Stirnlappen, der für das Planen zuständig ist und dem Seitenlappen, der unsere Eindrücke, Ideen und Erinnerungen miteinander verknüpft, besitzen wir den sogenannten Jammerlappen.
Er hat zwar keine direkte Verbindung zum Auge, kann aber jedes Unglück selbst bei völliger Dunkelheit kommen sehen. Er hat keinen Zugang zum Gedächtnis, aber er erinnert sich sehr genau, dass früher immer alles besser war. Der Jammerlappen ist die Instanz, die uns daran hindert wirklich glücklich zu sein.

Eine andere Ursache, warum es uns oft schwerfällt, einfach einmal mit gutem Gewissen und ausgelassen glücklich zu sein, könnte darin liegen, dass es tief in uns drin steckt, dass wir schuldige und fehlerhafte Menschen sind und auch gerne die Fehler bei anderen Menschen suchen.
Wenn nirgendwo ein Unfall geschieht, dann stellen wir oft zwei Fragen hintereinander: 1. Wie viele Tote und Verletzte und 2. Wer hat Schuld? Wer muss die Verantwortung tragen? Und Schuld hat immer einer.
Wenn an einem Fließband in der Produktion etwas schief läuft, dann muss auch hier der Schuldige gesucht und gefunden werden. Erst dann kann der Alltag wieder einkehren. Ein rollender Kopf sorgt für ein ausgewogenes Gleichgewicht. Mit so einer Haltung fällt es schwer, wirklich glücklich seinen Alltag zu bestreiten. Jemand sagte einmal: „Aus dem deutschen Volk der Dichter und Denker ist ein Volk der Richter und Henker geworden.“

Wer meint, das sei doch durch und durch menschlich, der irrt sich gewaltig. Der Jammerlappen gehört uns. So werden zum Beispiel bei der japanischen Firma Toyota Prämien ausgeschrieben für Mitarbeiter, die einen Fehler im Produktionsvorgang finden. Hier geht es nicht um die Frage, wer den Fehler verursacht hat, sondern es geht allein darum, wie die beste Lösung gefunden werden kann.

Viele von uns sind mit einem sehr starken Schulddenken geistlich groß geworden. Man hat uns beigebracht, dass es in unserem Leben als Christen ganz stark darum geht, dass wir immer bessere Menschen werden und das wir jeden Bereich unseres Lebens optimieren und so gestalten, dass es Gott ehrt. Grundsätzlich ist das richtig, aber in der Realität hat das bei vielen dafür gesorgt, dass sie in eine brutale Werksgerechtigkeit zurückgekehrt sind und versucht haben, aus eigener Kraft heraus immer besser zu werden und sich immer mehr Jesus hinzugeben. Jede kleine Sünde, jeder Tag, der keinen Sieg verbuchen konnte, war ein schlechter Tag. Viele von uns hat das in eine tiefe Traurigkeit und Verzweiflung hinein getrieben. Weil sie sich ständig Gott gegenüber schuldig gefühlt haben.
Ich habe in einem Buch ein Gebet gelesen, das mit den Worten begann: „Gott, statt dich mehr und mehr zu lieben, habe ich über Jahre hinweg dich mehr hassen gelernt. Du warst für mich ein Gott, der mir ständig meine Schuld vor Augen führt und meine Unfähigkeit mich zu ändern mit meinem andauernden Scheitern belegst. Ich kann nie so werden, wie ich in deinen Augen sein soll.“

Wenn du so lebst und glaubst, dann ist es schwer, wirklich glücklich zu sein. Und eine Jahreslosung, in der es darum geht, dass unsere Nähe zu Gott unser Glück sind, muss dann unglaublich hol und kraftlos wirken, oder?

Wie kann ich glücklich darüber sein, Gott nah zu sein, wenn er mich ständig daran erinnert, wie unvollkommen und schuldig ich letzten Endes vor ihm bin, egal, wie viel Mühe ich mir gebe. Wäre es hier nicht besser, wenn Gott ganz weit weg wäre?

Das Gegensatzwort von Glück ist übrigens nicht Unglück. Denn wer in seinem Leben viel Unglück erlebt, viele Katastrophen durchmachen muss, der kann durchaus noch glücklich sein. Glücklich mitten im Chaos. Denkt an Menschen wie Paul Gerhard, die ganz viel Unglück erlebt haben. Er hat den größten Teil seiner Familie selber beerdigt, hat die Auswirkungen des 30-jährigen Krieges erlebt und war über viele Jahre arbeitslos. Er wusste oft nicht, wie es weitergehen soll und trotzdem drücken seine Lieder ganz viel Dankbarkeit und Lebensfreude aus.
Oder denkt an den Choral „In dir ist Freude, in allem Leide.“ Wir können scheinbar trotz Unglück immer noch glückliche Menschen sein.
Nein, das Gegensatzwort von Glück ist nicht Unglück, sondern Depression. Glück ist ein tiefes inneres Gefühl, das Leben intensiv zu erleben und zu leben. Wer glücklich ist, spürt eine tiefe innere Lebensfreude.
Wer depressive Tage kennt oder dauerhaft darunter leidet, der weiß, wie schwer es ist, ohne solche Glücksmomente auskommen zu müssen. Das tut einfach nur weh.
Somit hat Glück auch immer eine soziale Komponente. Wenn wir glücklich sind, dann lassen wir uns gern auf andere Menschen ein und ertragen auch viel einfacher schwierige Menschen. Wir sind gelassener und großherziger.
Ein Kennzeichen der Depression ist es, dass wir uns abkapseln, uns einigeln und das Gefühl haben, wirklich ganz und gar einsam zu sein. Wer glücklich ist, ist auch offen für andere.

Die große Frage ist natürlich: wie werden wir zu glücklichen Menschen? Denn ich vermute, dass jeder von uns genau das möchte.

Manche versuchen das auf einem sehr merkwürdigen Weg, in dem sie sich Glücksbringer anschaffen. Irgendwelche Gegenstände, die dafür sorgen sollen, dass sie das Glück nach Hause bringen.
Die Hasenpfote. Wobei ich bei der besonders nachdenklich werde. Denn der Hase hatte ursprünglich vier davon und das hat ihm offensichtlich kein Glück gebracht.
Der Schornsteinfeger. Der angeblich neben etwas Ruß und der Jahresendabrechung auch das Glück ins Haus bringt. Ein echtes Argument gegen Fernwärme, denn dann kommt er nicht mehr.
Oder das vierblättrige Kleeblatt. Wobei wir auch hier einschränkend sagen müssen, dass das immer auch eine Frage des Standpunktes ist. Denn wenn dieses Kleeblatt direkt neben einem Atomkraftwerk wächst und vier oder vielleicht sogar fünf Blätter hat, dann sollten wir drauf verzichten Glückshormone freizusetzen und die Zeit lieber dazu nutzen, so schnell wie möglich zu verschwinden.
Wobei uns dieses Kleeblatt interessanterweise hin zu Jesus bringt. Denn das es ein Glücksymbol ist, liegt weniger daran, dass es besonders selten ist, sondern an seiner Form. Christen im Mittelalter sahen das vierblättrige Kleeblatt deswegen als Glückbringer, weil es die Form eines Kreuzes symbolisiert.
Darum sollte das Kleeblatt sie immer daran erinnern, dass Jesus derjenige ist, der ihnen das wirkliche Glück gebracht hat und bringt.

„Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“

Gott nahe zu sein bedeutet, dass wir dort sind, wozu wir geschaffen wurden. Er hat uns ja gerade gemacht als Ebenbilder und die ganze Bibel ist randvoll mit der Botschaft, dass er will, dass wir eine Beziehung zu ihm haben. Eine Beziehung, die weit über den Tod hinaus geht. Dafür sind wir geschaffen. Von Gott entfernt zu sein, ist darum ein sinnloses Leben. Wie ein Werkzeug, das ungebraucht im Schrank liegt. Wie ein Haus, das nicht bewohnt wird oder wie ein Buch, indem wertvolle Dinge stehen, das aber nicht gelesen wird. Man kann alle diese Dinge ansehen und vielleicht schön finden, aber wenn wir sie nicht für das einsetzen, für das sie geschaffen wurden, sind sie sinnlos.
Genauso ist es mit unserem Leben, das wir von Gott entfernt leben. Da können schöne Dinge vorkommen, aber nichts davon wird bleiben, wenn wir gehen. Nichts davon können wir mitnehmen. Und wenn wir das verstanden haben, dann werden wir feststellen, wie sinnlos ein Leben ohne Gott wirklich ist und wie leer und wie ziellos.
Glücklich werden wir, wenn wir nach Hause kommen. Wenn unser Leben dort stattfindet, wozu es geschaffen wurde.
Und so wurde Jesus für uns zum Glücksbringer. Weil er sich ja gerade aufgemacht hat, um uns nach Hause zu holen. Und wieder zurückzubringen in die Beziehung mit dem Vater. Weil er dafür gesorgt hat, dass nichts mehr zwischen uns und Gott steht. Wir brauchen keine Angst mehr vor ihm zu haben und wir müssen und für unsere Unvollkommenheit nicht schämen.

Weil Jesus für mich stark war, bin ich frei, schwach zu sein.
Weil Jesus für mich gewonnen hat, bin ich frei, um zu verlieren.
Weil Jesus ein Jemand ist, bin ich frei, ein Niemand zu sein.
Weil Jesus ganz besonders ist, bin ich frei, gewöhnlich zu sein.
Weil Jesus für mich erfolgreich ist, bin ich frei, zu scheitern.

(Tullian Tchividjian)

Alles das, aus dem der Stoff ist, um und in eine geistliche Depression zu treiben, wurde uns von ihm abgenommen.
Wir dürfen tatsächlich als freie und von Schuld befreite Menschen Gott nahe sein. Hier finden wir unser Glück.

Das klingt jetzt für die einen vertraut und für die anderen typisch fromm. Und für andere vielleicht eher befremdet, weil für sie Glück und Gott keine Begriffe sind, die zusammengehören.
Glück ist für sie vielleicht ein besonders schöner Moment oder ein Gefühl, das sie genießen, aber keine geistliche Erfahrung.

Um zu verstehen, warum wir so ticken, macht es Sinn, dass wir noch einen Blick in unser Gehirn werfen. Dort wirken zwei Hormonsysteme, die sich eigentlich wiedersprechen. Das eine ist das Dopaminsystem und das andere das Oxytoccinsystem.
Beide haben etwas mit unserem Glücksempfinden zu tun.

Wenn wir ein Stück Schokokuchen essen, dann kann uns das durchaus glücklich machen, weil in diesem Moment die Dopaminproduktion angekurbelt wird. Für einen Augenblick fühlen wir uns gut. Aber Dopamin hat keine Langzeitwirkung. Irgendwann pendelt sich unser Glückgefühl wieder auf Null ein. Die mögliche Reaktion darauf wäre entweder das nächste Stück Kuchen oder wir versuchen, auf andere Weise Dopamin freizusetzen – das kann der gleitende Übergang zum Abendessen sein, schöne Musik, Sport oder was auch immer. Wir können auf diese Weise uns von einem Glückskick zum nächsten hangeln.

Die fromme Variante davon wäre die, dass wir darauf achten, vor allem Gottesdienste zu besuchen, die möglichst aufregend sind und in denen wir viel erleben.
Dopamin lebt von Spannung, davon etwas erreichen zu wollen, etwas zu begehren und davon, ständig etwas Neues zu erleben. Das lässt uns neugierig bleiben, macht uns aber auf Dauer nicht glücklich, sondern nur müde oder dick.

Das andere Hormon ist das Oxytoccin. Es dauert ein wenig, bis es freigesetzt wird. Wir erleben es, wenn wir uns längere Zeit auf etwas konzentrieren und dann ganz darin aufgehen. Wenn Freundschaften immer mehr in die Tiefe wachsen und aus dieser Vertrautheit das Gefühl erwächst: Ich will dich nie wieder verlieren. Wenn es nicht mehr um die Frage geht: Was kann ich mit dir erleben, sondern die Überzeugung so sonnenklar im Raum steht: Es ist so wunderschön, dich zu kennen und dir nah sein zu können.
Hier geht es mit einem mal darum, jemanden um seiner selbst willen zu lieben und dabei zu merken, wie diese Beziehung uns unendlich glücklich macht.
Hier fragen wir nicht: Was habe ich von dir, wenn ich Zeit mit dir verbringe? In solchen Momenten wollen wir einfach an keinem anderen Ort mehr sein.
Und das, was wir im Kleinen in solchen Momenten mit anderen Menschen erleben ist das, was wir im Großen für immer mit Gott erleben werden.

Mit Gott verbunden zu sein und zu bleiben, macht uns unendlich reich und unendlich glücklich.

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