Starke Gemeinde – ein paar erste Ideen

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Vor einigen Tagen las ich das Buch von Tobias Faix, Tobias Künkler und Martin Hofmann: Warum ich nicht mehr glaube.
Wirklich gut. Solltest du eine gewisse intellektuelle Leere in dir spüren, liegt es vielleicht daran, dass du es noch nicht gelesen hast :).
Ein Kapitel blieb bei mir besonders hängen. Dort geht es um die Frage, wie Menschen einen starken Glauben entwickeln können. Auch wenn manches von dem, was die Drei dort aussagen, noch auf etwas wissenschaftlich wackligen Füßen steht, haben mich die Ideen und Übertragungen aus der Resilienzforschung so fasziniert, dass ich mir die Frage gestellt habe, ob so etwas auch im Blick auf die Gemeinde denkbar ist. Daraus haben sich ein paar Fragen formuliert, die seitdem in meinem Kopf umherwandern. Zum Beispiel frage ich mich:

Kann man messen, wie widerstandsfähig eine Gemeinde ist, wenn sie in eine Krise gerät?

Gibt es Tools, mit deren Hilfe geübt werden kann vorhandene Ressourcen zu beleben und so einzusetzen, dass die innere Stärke einer Gemeinde erhöht werden kann?

Um hier einen Schritt weiter zu kommen, habe ich mich mit mir darauf geeinigt, dass ich davon ausgehe, dass eine Gemeinde als soziales System grundsätzlich genauso „tickt“ wie ein menschliches System. Zwar ist dieses System deutlich (nahezu unendlich) komplexer, aber funktioniert eben doch nach denselben Prinzipien. Ich weiß, Luhmann dreht sich gerade im Grab um, aber da muss er jetzt mal ganz tapfer durch. Ohne so eine Vereinfachung kommen wir nur weiter bis zum nächsten Aber und das macht eben keinen Spaß.

Eine zweite Annahme: Ich vermute, dass man eine Gemeinde mit einem hohen Resilienzfaktor nicht daran erkennt, wie viele Leute im Gottesdienst sind oder wie niedrig das Durchschnittsalter ist. Vermutlich sind sogar kleine, uralte Versammlungen in der Regel deutlich widerstandsfähiger als junge hippe Gemeinden, aber das müsste einmal an einer anderen Stelle untersucht werden.

Die beiden Autoren und Wissenschaftler Fröhlich-Gildhoff und Rönnau-Böse (das sind wirklich nur zwei), haben ein sehr schönes Buch über Resilienz geschrieben. Sie zitieren Wustmann, der Relisienzfaktoren „als Eigenschaften, die ein Kind in der Interaktion mit seiner Umwelt und durch erfolgreiche Bewältigung von alterspezifischen Entwicklungsaufgaben erwirbt“ (Resilienz, Seite 40).

Was würde passieren, wenn wir es schaffen würden, in unseren Gemeinden diese Eigenschaften bewusst zu fördern und zu erlernen? Denn die gute Nachricht ist ja: Resilienzfaktoren sind nicht angeboren, sondern können erlernt werden.

Ich habe diese Faktoren einmal herausgeschrieben und versucht, eine Übertragung zu skizzieren. Ja, das ist alles noch sehr bruchstückhaft, aber vielleicht hat jemand von euch Lust, hier mit weiterzudenken.
 
Selbst- und Fremdwahrnehmung 
Erklärung: Damit ist eine angemessene Selbstwahrnehung und Selbsteinschätzung gemeint, sowie ein angemessener Umgang mit Informationen gemeint.
Übertragung: Wer sind wir als Gemeinde? Wo stehen wir heute? Wie würden wir einem Freund unsere Gemeinde beschreiben? Welche Kernbegriffe fallen uns bei so einer Beschreibung auf? Wie sehen andere, Christen und Nichtchristen, Nachbarn, andere Gemeinden, öffentliche Vertreter uns? Vor welchen Herzausforderungen stehen wie im Augenblick?

Selbstwirksamkeit
Erklärung: Die Überzeugung, Anforderungen bewältigen zu können.
Übertragung: Trauen wir uns zu, die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen? Können wir unsere Gemeinde entwickeln?

Selbststeuerung
Erklärung: Regulation von Gefühlen und Erregung, sich zu beruhigen oder auch, sich aufzuregen
Übertragung: Können wir schnell Schwierigkeiten und Unvorhergesehenes „wegstecken“? Gibt es andererseits Situationen und Zustände, die uns noch wütend machen? Leiden wir unter sozialer und geistlicher Ungerechtigkeit („solange wir hier „richtig“ glauben ist alles gut, was mit den anderen passiert, interessiert uns nicht“) oder lässt uns das kalt?

Soziale Kompetenz
Erklärung: Unterstützung holen, sich zu behaupten und die Fähigkeit, Konflikte selber zu lösen
Übertragung: Haben wir die Größe, uns von außen Hilfe zu holen (nicht nur „Lückenfüller“ und „Stundenhalter“)? Wie offen gehen wir mit Konflikte um? Suchen wir einen Schuldigen oder nach einer Lösung? Sehen wir Konflikte als Möglichkeit, um miteinander zu wachsen?

Problemlösefähigkeit
Erklärung: Entwicklung von Strategie zur Informationsgewinnung und dem erreichen von neu gesetzten Zielen.
Übertragung: Sind wir in der Lage, einen „Problemlösezyklus“ (Resilienz, Seite 54) miteinander zu gestalten? Wer kann uns dabei als Moderator begleiten?

Adaptive Bewältigungskompetenz
Erklärung: Fähigkeit zur Realisierung von vorhandene Kompetenzen in der Situation
Übertragung: Wie kommen wir vom Reden zum Handeln? Welche Instrumente lassen wir zu, um die Ergebnisse unserer Arbeit zu messen?

Ein Trainingsprogramm für Gemeinden müsste sehr vielschichtig gestaltet werden und kann nicht mit einer Predigtreihe, einem Hauskreisabend und ein paar Kopiervorlagen abgehakt werden. Dazu brauchen wir u.a. ein hohes Maß an Lernfähigkeit und die Fähigkeit, Lern- und Innovationsblockarden zu überwinden. Hier sind alle Mitglieder in ihren Funktionen als Teilnehmer, Leiter und Hauptamtliche genauso herausgefordert, wie Ortsgemeinden, Verbände usw.. Wir brauchen eine sorgfältige und saubere Evaluierung der Ergebnisse und vor allem viel Geduld. Kurz gesagt: So ein Programm ist keine nette Unterhaltung im Sommerloch, sondern harte Arbeit, die weh tun kann.

Lohnt es sich, hier weiterzudenken und vor allem weiterzugehen? Ich denke ja. Gerade weil wir heute ganz dringend tragfähige Gemeinden brauchen, die an Krisen nicht zerbrechen, sondern daran noch stärker werden.

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