Lebendige Gemeinde

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich mit der Frage, ob man die Lebendigkeit einer Gemeinde messen kann. Und ja, ich setze mal vorsichtig Lebendigkeit mit Gesundheit gleich. Wobei eine Gemeinde für mich auch dann noch gesund ist, wenn sie mal die eine oder andere Macke hat. Bei uns Menschen ist das ja auch nicht anders. Ich habe zum Beispiel schlechte Augen, keine perfekten Zähne und neige zu einem verspannten Nacken, würde mich aber trotzdem als gesund bezeichnen.  Ich bin lebendig. Ich kann agieren, ich kann mich verändern, Neues wagen, feiern, arbeiten und nachts meistens schlafen.

Ich beobachte gerne Gemeinden, versuche sie zu verstehen und bin in der Regel davon begeistert, was für unterschiedliche Formen sie da annehmen können. Manchmal bin ich traurig, weil ich sehe, dass sich Gemeinden schnell aufgeben und davon überzeugt sind, dass sie demnächst sterben werden, sie also nicht mehr lebendig sind oder zumindest sterbenskrank.

Woran machen wir so etwas eigentlich fest, dass eine Gemeinde lebendig oder tot ist? Ja, ich weiß, Christian A. Schwarz hat die Frage schon vor ein paar Jahren geantwortet. Für ihn sind zweckmäßige Strukturen, gabenorientierte Mitarbeiterschaft, inspirierende Gottesdienste,  ganzheitliche Kleingruppen entscheidenden Faktoren. Und vermutlich passen seine Überlegungen auch sehr gut für einen ganz bestimmten Typos von Gemeinde.

Im Augenblick finde ich einen Ansatz von Robert Warren allerdings spannender. Vor allem, weil ich den Eindruck habe, dass er auch kleinen Gemeinden gerecht wird.

Gleichzeitig beruft er sich auf Schwarz und sieht seine Eindeckungen als eine Fortführung vom großen Meister der modernen Gemeindeentwicklungsforschung.  Basis seiner Überlegungen ist eine Untersuchung von englischen Gemeinden, von denen man annahm, dass sie in den nächsten Jahren eingehen würde, die das aber scheinbar nicht gewusst haben und darum einfach aufgeblüht sind. Warren hat sieben (! J) Kennzeichen ausgemacht, die für diese Gemeinden typisch sind:

1.     Sie leben aus ihrem Glauben heraus

Entscheidend sind gar nicht mal die Strukturen oder die Frage, ob sie einen inspirierenden Gottesdienst haben. Wichtig war für sie die Frage nach der Quelle. In ihren Gemeinden bekommen Menschen den Raum, Gottes Liebe hautnah zu erfahren. Ihre Kraft beziehen sie aus dem Wunsch, Gott und sich gegenseitig zu dienen und Menschen bekommen in diesen Gemeinden die Möglichkeit, im Glauben zu wachsen und diesen Glauben weiterzugeben.

2.     Sie richten den Blick nach außen

Sie sind als Gemeinde mit ihrem Ort verwurzelt. Sie arbeiten mit anderen Institutionen fest zusammen. Leidenschaftlich setzen sie sich für Gerechtigkeit und Frieden ein – lokal und global. Dadurch stellen sie eine enge Verbindung zwischen ihrem Leben und ihrem Glauben her. Sie antworten diakonisch aus die menschlichen Bedürfnisse um sie herum.

3.     Sie wollen unbedingt herausfinden, was Gott von ihnen will

Sie fragen sich gemeinsam und jeden einzelnen: Was hat Gott mit uns vor? Wozu sind wir berufen? Dabei arbeiten sie an einer Vision für die Zukunft. Sie schauen nach vorne, statt sich ständig um die Vergangenheit zu drehen. Missionarische Perspektiven werden entwickelt. Es geht nicht nur um einzelne punktuelle Projekte, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, sondern um langfristige Pläne. Dabei fordern sie von ihren Mitgliedern auch Opfer, zeitliche und finanzielle.

4.     Sie stellen sich dem Preis der Veränderung

Zwischen den Zeilen höre ich oft den Satz: „Es soll alles besser werden, aber es darf sich nichts verändern.“ Das funktioniert leider nicht. Jede Veränderung hat leider ihren Preis. Eine vitale Gemeinde, so Warren wird Neues wagen und Altes hinter sich lassen. Sie wird Risiken in Kauf nehmen. Sie wird auf Veränderungen in ihrer Gemeinde und in ihrer Umwelt reagieren, statt zu resignieren.

5.     Sie handelt als Gemeinschaft

Beziehungen sind hier wichtig. Sie leben als Freunde und nicht als Funktionäre zusammen. Diese Beziehungen werden nicht nebenbei gepflegt, sondern sie verwenden viel Zeit und Mühe darauf, miteinander in die Tiefe zu wachsen. Ehren- und Hauptamtliche verstehen sich dabei als Team.

6.     Sie schaffen Raum für alle

Neue Besucher oder Mitglieder werden willkommen geheißen und es wird viel Zeit damit verbracht, ihnen deutlich zu machen, dass man sich wirklich freut, dass sie da sind und damit sie schnell ein fester Teil der Gemeinschaft werden. Kinder und Jugendliche gehören zur Gemeinde fest dazu. Man macht nicht nur Arbeit für die Kinder, sondern mit ihnen zusammen. Jugendlichen wird viel Freiraum auch im Gottesdienst gegeben.

Diese Gemeinden haben eine große Sehnsucht danach, Menschen aus viele Nationen und sozialen Hintergründen bei sich willkommen zu heißen.

7.     Sie machen wenig, aber das, was sie tun, machen sie gut

Sie konzentrieren sich auf die wesentlichen Veranstaltungen einer Gemeinde: Gottesdienste, Bibelstunden, Hauskreise. Statt sich in einer Angebotsvielfalt zu verlieren, um dann nur noch Kraft zu haben, alles halbherzig zu tun, legen sie in die wenigen Dinge ihre ganze Leidenschaft. Sie freuen sich über die Dinge, die sie tun und haben eine große Gelassenheit im Blick auf die Dinge, die sie weglassen.

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