Neues wagen in der Praxis

Ich habe am Wochenende zum ersten Mal ein kleines Tool eingesetzt, das mich begeistert hat. Meine Aufgabe bestand darin, Mitglieder einer altgewordenen Gemeinde miteinander ins Gespräch über ihre Gemeinde zu bringen – und zwar so, dass nicht das Jammern und Klagen im Mittelpunkt steht, sondern dass die Teilnehmer Spaß daran haben, darüber zu reden und nachzudenken, wie die Zukunft aussehen soll.

Das Ding ist jetzt weder eine Geheimwaffe noch ein Kandidat für den nächsten Nobelpreis in Gemeindeentwicklung, aber ich finde es wirklich hilfreich und darum möchte ich es gerne teilen. Falls es jemand von euch einsetzt, wäre ich euch sehr dankbar, mir einmal eine Rückmeldung zu schicken, wie es bei euch lief.

Die Grundidee

Mir ist aufgefallen, dass in vielen Gemeinden, die zu der Denomination gehören, in der ich arbeite, Gebäude wichtig sind. Ich habe viele Chroniken gelesen und es ist erschreckend, wie viele Zeilen dafür verwendet werden, haargenau den Bau der Gemeinde zu beschreiben. In unzähligen Mitgliederversammlungen wird darüber geredet und gestritten, wie die nächsten Umbaumaßnahmen umgesetzt werden sollen und ob es nicht mal wieder Zeit für neue Gardinen ist. Außerdem müsste noch über den Putzplan und die Frage gesprochen werden, wer im Herbst das Laub ums Haus entfernt. ausserdem soll doch bitte mehr darauf geachtet werden, dass immer gleich abgespült  und dass unter der Kellertreppe nichts abgestellt wird. Kurz gesagt: Am Anfang gestaltete die Gemeinde ein Haus und am Ende gestaltet das Haus die Gemeinde.

Also: Weg mit der Hütte. Was wäre, wenn es das Haus nicht mehr gibt? Wie fühlt sich das an, was bleibt von der Gemeinde übrig und wie soll die Zukunft aussehen?

 

Die Umsetzung

Die Teilnehmer werden mit dieser Geschichte konfrontiert:

„Stell dir einmal diese Situation vor: An einem Sonntagmorgen möchtest du zum Familiengottesdienst kommen. Als du auf dem Gelände der Gemeinde eintriffst, siehst du ein paar Feuerwehrwagen. Blaulicht flackert, Feuerwehrmänner hantieren an ihren Fahrzeugen. Du parkst deinen Wagen und gehst den weg hoch. Dort, wo gestern noch das Gemeindehaus stand, siehst du jetzt nur noch eine verkohlte Ruine. Das Haus ist abgebrannt.“

 

Zunächst soll jeder für sich über diese Fragen nachdenken (sag’ es keinem, aber die Fragen stammen aus dem Anti-Aggressionstraining):

  1.  Was empfindest du beim Anblick der Ruine?
  2. Was beobachtest du, was die anderen Gemeindemitglieder machen? Was denken sie? Wie reagieren sie?
  3. Welche Bedürfnisse sind bei dir nicht abgebrannt und sind jetzt unerfüllt?
  4. Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Zeit: ca. 30 Minuten

Anschließend sollte viel Zeit (ca. 1,5 Stunden)  zum Reden und Austauschen sein. Es wird vermutlich Menschen geben, die so einen Brand sehr befreiend finden werden und andere, die zutiefst trauern und verzweifelt sein werden. Diese Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und es zu schaffen, dass sie sich verstehen, kann ein echter Meilenstein werden.

Im nächsten Schritt geht es dann um die Frage, wie es weitergehen soll. Dazu bekommen die Teilnehmer vier Optionen vorgestellt. Sie sollen sich für eine entscheiden und dann in Gruppen jeweils über diesen Punkt und die dazugehörigen Fragen reden. Dazu wählen sie einen Gesprächsleiter, jemanden, der hinterher die Ergebnisse präsentiert und jemanden, der darauf achtet, dass die vorgebende Zeit (45 Minuten) eingehalten wird.

Das ist die Situation:

„Nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung ein wenig gelegt und jetzt geht es um die Frage, wie es mit der Gemeinde weitergehen soll. Die Versicherung hat signalisiert, dass sie für den Schaden aufkommen wird. Geld ist also da. Womit allerdings niemand gerechnet hat: Aufgrund einer Formulierung in der Satzung ist mit dem Abbrennen des Hauses auch gleichzeitig die Gemeinde erloschen. Es gibt die Gemeinde nicht mehr.

Welche Schritte sollen deiner Meinung nach nun gegangen werden? Es gibt drei Optionen:

1.     Neu anfangen irgendwo anders. Eine neue Gemeinde entsteht.
(Was dahinter steckt: Mit der alten Tradition wird gebrochen, aber man will zusammenbleiben) 

Würdet ihr gleich ein neues Haus bauen? Wenn ja:

i.     Wo würdest du am liebsten neu bauen?

ii.     Wie müsste das Haus aussehen?

Wenn nicht,

i.     Wo würdet ihr euch treffen?

ii.     Wie würdet ihr das Gemeindeleben gestalten?

An welche Bedingungen knüpft ihr die Mitgliedschaft? Wer darf mitmachen?

2.     Am selben Ort neu bauen, worauf würdet ihr achten?
(Was dahinter steckt: Das, was war, soll wieder so sein, mehr oder weniger) 

  1. Was würdet ihr anders machen als bisher?
  2. Wie müsste die Gemeinde aussehen?
  3. Was würdet ihr so wieder machen, was würdet ihr gern zurücklassen?
  4. An welche Bedingungen knüpft ihr die Mitgliedschaft? Wer darf mitmachen?

3.     Du gehst weg, in eine andere Gemeinde und schließt dich ihr an.
(Was dahinter steckt: Der komplette Ausstieg aus der Tradition und ein Bruch mit den Menschen, mit denen man bisher zusammen war) 

  1. Wie müsste sie sein, damit du dich dort wohl fühlst?
  2. Was wünschst du dir von so einer Gemeinde?

Zum Schluss präsentieren alle Gruppen ihre Ergebnisse. Das dauert noch einmal so gut eine Stunde. Verständnisfragen sollen gestellt werden, aber achte darauf, dass die einzelnen Gedanken und Wünsche nicht diskutiert oder in richtig oder falsch eingeteilt werden.

In einer Abschlussrunde arbeitet ihr heraus, was euch an diesem Tag aufgefallen ist und was ihr davon umsetzen wollt. Vielleicht helfen euch dabei diese Fragen:

  •  Was ist für euch als Gemeinde wichtig? Versucht einmal vier zentrale Begriffe zu formulieren.
  • In wie weit hat dieser Tag euren Blick für eure Gemeinde verändert?
  • Was könnt ihr von diesem Tag lernen?
  • Was könnt ihr umsetzen?

Wichtig ist, dass ihr einen Moderator habt, der die Grundlagen der Gesprächsführung beherrscht (Nachfragen, Spiegeln, Zusammenfassen, Ausgewogenheit bei den Redebeiträgen usw.).

Achtet darauf, dass ein repräsentativer Kreis der Gemeinde vorhanden ist. Also entweder alle oder zumindest Leute aus allen Altersgruppen. Nehmt euch Zeit und nehmt euch auch Zeit für Pausen.

 

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