Neues wagen praktisch, Teil 2

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Auf meinen letzten Post hin, habe ich zwei Mails bekommen mit der Bitte, hier noch ein wenig mehr über das ganze Drumherum von so einem Tag zu schreiben.

Der Ablauf orientiert sich grob an den Prinzipien von Organisationskonferenzen. Typisch für sie sind:

1. Das ganze System wird in einen Raum gebracht

Es sollte entweder die ganze Gemeinde dabei sein oder aber zumindest aus jeder Gruppe der Gemeinde ein paar Vertreter, so dass diejenigen, die an so einem Tag teilnehmen, auch tatsächlich repräsentativ für die Gemeinde stehen.

2. Eigenverantwortung und Selbstorganisation

Jeder Teilnehmer ist für das Gelingen des Tages mitverantwortlich. Er ist weder Zuschauer, noch Besucher, sondern immer Teilnehmer. Das drückt sich u.a. dadurch aus, dass jeder immer wieder auch einmal kleinere Aufgaben (Gruppenleitung, Zeitnehmer usw.) übertragen bekommt. Auch hat jeder die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen. Soviel Freiheit muss ein.

3. Vorrang vor dem Gemeinsamen gegenüber dem Trennenden

In den Gesprächen soll nicht herausgearbeitet werden, wo die größten Konflikte herrschen, sondern wo sich eine Gemeinde einig ist und gemeinsame Ziele formulieren kann. Trennendes und Blockarden können aufgeschrieben und an einer anderen Stelle behandelt werden, aber nicht an so einem Tag.

4. Fokus auf die Zukunft

Es geht nicht darum, die „gute alte Zeit“ zu neuem Leben zu erwecken oder darum zu überlegen, wo wir heute stehen, sondern wohin wir wollen. Wie soll unsere Gemeinde in 3 Jahren aussehen? In der Gesprächsführung sollte darum auch immer darauf geachtet werden.

5. Die Konzentration liegt auf den Ressourcen und den Lösungen

Ähnlich wie unter 3. geht es auch hier darum nicht zu überlegen, was man eh nicht schafft, sondern darum, die Mittel einzusetzen, die eine Gemeinde hat, einzelne Kräfte zu bündeln und kraftzehrende Dinge einmal sein zu lassen.

6. Das System bleibt im Blick

Die ganze Gemeinde als komplexes System soll dabei im Blick behalten werden, nicht nur einzelne Gruppen. Was passiert, wenn wir in die Jugendarbeit investieren für andere Gruppen, wenn dort nun die Mitarbeiter oder das Geld fehlen?

 7. Es geht vor allem um einen gemeinsamen Dialog

Vergesst lange Vorträge, auch wenn eure Impulse so wertvoll sind, dass ihr damit die Welt retten könnt. Menschen, die miteinander reden, sich verstehen wollen und miteinander an einem Ziel arbeiten, werden viel mehr erreichen. Jemand, der mit dem Gefühl nach Hause geht „ich wurde ernst genommen“ oder „ich durfte einmal sagen, was mich bewegt“, wird viel motivierter sein, als jemand, der 4 Stunden einem Fachvortrag zugehört hat.

8. Emotionen gehören fest dazu

Ängste, Wut, Zweifel, Hoffnungen und alles andere gehören fest dazu, nicht nur die nüchternen Planungen und sachlichen Überlegungen. Ich darf sagen, wovor ich Angst habe und worüber ich mich freue.

9. Veränderungen und Entscheidungen sollen möglichst sofort umgesetzt werden

Wenn schon die ganze Gemeinde zusammen ist, dann sollte sie sich von vornherein darauf verständigen, dass an diesem Tag  auch wirklich Punkte angedacht werden, die umgesetzt werden sollen und nicht nur ein paar Ideen ausgetauscht oder alles an einen Arbeitskreis delegiert werden soll. Das endet nur damit, dass alles wieder versandet.

10. Kein Event, sondern ein Prozess

Trotzdem wird so ein Treffen immer weitere Gesprächsgänge nach sich ziehen, um miteinander nach und nach Ziele zu erreichen.

 11. Gebet und Hören auf Gott ist ein fester Bestandteil eines solchen Prozesses, kein Anfangsritual

Ok, diesen Punkte wirst du relativ selten in der Fachliteratur finden, mir ist er aber ganz wichtig. Wir reden immer über die Gemeinde Jesu, für die er uns die Verantwortung übertragen hat. Er bleibt der Herr und wenn wir darüber reden, wohin die Reise der Gemeinde gehen soll, dann muss unsere Bitte lauten: „Zeige und die Wege, die du segnest“ (statt: „segne unsere Wege, die wir dir zeigen“). Gebetszeiten an so einem Tag sorgen dafür, dass wir unseren Blick auf Jesus ausrichten und sensible für sein Reden bleiben.

Noch ein Satz dazu, wer so einen Tag leiten sollten: Der, der das am besten kann. Also die- oder derjenige, der das Vertrauen der Gemeinde besitzt und in der Lage ist, Gespräche zu moderieren und dabei die Ziele im Blick zu behalten. Manchmal kann es sinnvoll sein, hier einen externen Berater oder eine Beraterin ins Boot zu holen. Sie oder er hat den nötigen Abstand und steht nicht im Verdacht, alles in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen. Auf der anderen Seite hat vielleicht auch die Gemeindeleiterin, der Pastor oder sonst wer das nötige Vertrauen, dass andere sich leiten lassen. Falls sich niemand in der Gemeinde findet, ist das ein guter Moment, um auch einmal darüber nachzudenken, woran das liegt.

 

Wenn du dich noch etwas mehr in das Thema Organisationskonferenzen eingraben willst, kann ich dir diese beiden Bücher sehr empfehlen:

Einführung in Großgruppenmethoden

Das Buch ist eine sehr schöne und knappe Einführung in das Thema.

und:

Change Handbook. Zukunftsorientierte Großgruppen-Methoden

Hier werden viele unterschiedliche Methoden beschrieben und vor allem: du kannst ganz leicht nachlesen, welche Methode für welche Situation geeignet ist.

 

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