Vergeltung und Versöhnung

Posted by in Allgemein

Miguel war ein großes Talent. In seinem Land studierte er Medizin, Geografie, Mathematik und Theologie. Er war ein guter Wissenschaftler mit einem hohen Wissensdurst. Als Theologe machte er nur einen Fehler. Seine Ergebnisse waren anders, als die der großen theologischen Elite.
Eine große Diskussion entbrannte, vor allem mit einem Theologen in einem Nachbarland, nur einen Steinwurf von seiner eigenen Heimat entfernt. Briefe wechselten, die Gemüter kochten über. Heute, im 21. Jahrhundert mitten in Europa stellt so etwas kein Problem dar. Wir sind es gewohnt, zu diskutieren und andere Meinungen stehen zu lassen.
In der Kultur, aus der Miguel stammt, sah es anders aus. Der Theologe, mit dem er stritt, wünsche ihm den Tod. Einmal sagte er: „Wenn dieser Mann einmal in meine Stadt kommt, wird er sie nicht mehr lebendig verlassen.“
Miguel nahm diese Aussage nicht ernst genug und reiste. Und kam in die Stadt des anderen Theologen. Dort herrschte eine enge Verbindung zwischen Staat und Religion. Der religiöse Führer war auch gleichzeitig eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt. Er erkannte Miguel und erstattete Anzeige. Er wurde verhaftet und unter Anklage gestellt.
Er kam vor ein Gericht, das für ihn gar nicht zuständig war, mit einer Anklage, die nahezu haltlos war, einer Beweisführung, die jede Rechtstaatlichkeit verspottet und vor einen Richter, der von der Meinung des religiösen Führers abhängig war und im Hintergrund von ihm gesteuert wurde. Das Urteil stand vermutlich schon fest, noch bevor der erste Verhandlungstag begann.
Am Ende wurde Miguel dann auch schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt. Für seine eigene Meinung wurde er bei lebendigem Leib verbrannt.
Miguel hieß mit vollem Namen Miguel Servetus. Er starb 1553. Nicht in einem arabischen Land, sondern in Genf. Der Mann, der für seinen Tod verantwortlich war, war kein moslemischer Fundamentalist, sondern der evangelische Theologe Johannes Calvin. Seine Hinrichtung wurde allgemein als richtig angesehen. Kein anderer Reformator legte Einspruch ein.
Vermutlich nur ein Mann erhob damals seine Stimme. Der Humanist Sebastian Castellio, Professor an der Baseler Universität. In seiner Schrift „Ob Ketzer verfolgt werden dürfen“ nimmt Castellio den Grundgedanken der Toleranz auf und schmettert Calvin und damit allen, die glauben, die reine Lehre durch das Töten eines „Ungläubigen“ verteidigen zu müssen, einen Satz entgegen, der Geschichte geschrieben hat: „Einen Menschen töten, heißt niemals, eine Lehre verteidigen, sondern: einen Menschen töten“.

Einen Moslem zu töten heißt niemals eine christliche Lehre zu verteidigen, sondern heißt immer: einen Menschen zu töten. Einen Christen mit einer Bombe zu zerreißen heißt niemals, Gottes Ehre wiederherzustellen, sondern heißt immer: einen Menschen töten.

Einen Menschen zu töten bedeutet niemals, Gott groß zu machen, sondern schwach. Denn ein Gott, der darauf angewiesen ist, dass seine Anhänger ihn beschützen, muss ein schwacher Gott sein. Ein Götze, der sich selbst nicht helfen kann.

Ja, ich leide darunter, dass Blasphemie salongfähig geworden ist und scheinbar zu einer freien Demokratie dazugehören muss. Es tut mir weh, wenn ich höre, dass Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und getötet werden. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn ich Kämpfer des IS sehe, wie sie stolz die toten und geschundenen Körper meiner Geschwister in die Kamera halten. Kinder, Frauen und Männer, die sterben mussten, weil sie Christen sind. Ich kann es schwer ertragen, wenn ein deutscher Dschihadist in einem Interview völlig selbstverständlich davon redet, dass der IS alle Schiiten töten wird, weil sie den falschen Islam leben. Es fällt mir schwer, hier ruhig zu bleiben.
Aber unser Auftrag ist nicht, hier Rache und Vergeltung zu fordern. Weil Gott selbst einen anderen Weg gegangen ist. Dort, wo Christen zu Gewalt und Vergeltung aufrufen, haben sie das Wesen und den Charakter Gottes aus dem Blick verloren.

Die Attentäter von Paris riefen: „Allah akbar“ – Gott ist groß. Das ist richtig, aber der Gott der Bibel ist so groß, dass er bereit war, sich klein zu machen. Er wurde einer von uns. Jesus ließ es zu, dass er in einem dreckigen Viehgehege als Mensch geboren wurde. Seine Kindheit war von Flucht geprägt und in seinem Leben hier schwanke die Stimmung ihm gegenüber ständig zwischen „Hosianna, dem Sohn Davids“ und „kreuzigt ihn“. Er kennt Durst und Hunger, Einsamkeit und Verlassenheit nicht nur aus unseren Gebeten, sondern hat das alles am eigenen Leib ertragen.
Und das alles aus nur einem einzigen Grund. Seine Liebe zu uns trieb ihn in die Abgründe der Menschlichkeit. Seine Liebe zu uns ließ es zu, dass er sich foltern und auslachen ließ.

Nicht, um sich lächerlich zu machen, sondern um sich voll und ganz mit uns zu identifizieren.
Viele Menschen steigen an dieser Stelle aus, weil sie das nicht auf die Reihe bekommen, dass Gott es zulässt, dass Jesus einen solchen Weg gehen musste, um dann am Ende zu sterben. Sie wollen mit einem Gott nichts zu tun haben, der einen Unschuldigen kreuzigen lässt. Dabei müssen wir aber eines im Blick behalten. Nämlich das, was der Apostel Paulus mit nur einem Satz auf den Punkt bringt: „Gott war in Jesus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ Er ließ keinen anderen das alles ertragen, sondern nahm selber den Platz ein. Er war in Jesus.
Für das, was wir heute erleben, bedeutet das:
Er redete das nicht klein, was ihm die Ehre nimmt.
Er schaut nicht weg, wenn Menschen mit Bomben töten, Frauen vergewaltigen oder Kinder entführen.
Das macht ihn zornig, aber seinen Zorn richtete er gegen sich selbst. Er fordert Vergeltung, aber er bezahlte selber den Preis.
Er gab der Welt die Gerechtigkeit zurück, indem er selber die Konsequenzen einer kaputten und verzweifelten Welt trug und ertrug.
Von diesem Gott erzählt die Bibel.
Er braucht niemanden, der seine Ehre verteidigt, weil er seine Ehre selber wiederhergestellt hat, in dem er sich ganz klein gemacht hat.
Sein großes Thema ist nicht Vergeltung oder Rache, sondern Versöhnung. Paulus schreibt, dass Gott uns lebendig gemacht hat. Er hat uns mit sich selbst versöhnt. Er hat uns mit ihm, dem Leben wieder ganz neu verbunden. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als niemand das von uns gewollt hat. Dazu benutzt er die Formulierung: „Als wir tot waren in unseren Sünden.“
Als wir nichts von ihm wollten.
Als wir Gott ignoriert hatten.
Als wir stolz waren auf unsere Argumente, warum man diesem Gott auf keinem Fall trauen darf.
Als wir noch unsere Bomben bastelten.
Da hat er an uns gedacht, uns geliebt und seine Hand ausgestreckt.

Für uns bedeutet das:
1. Versöhnung ist unser zentrales Thema
Gott braucht uns nicht, um seine Ehre zu bewahren. Wir müssen ihn nicht verteidigen oder schützen. Wir sind vielmehr dazu herausgefordert, seinem Weg der Versöhnung zu folgen. Und zwar in alles Facetten. Dazu gehört, dass wir es bekannt machen, dass Gott sich längst mit uns versöhnt hat, aber auch, dass wir selber diese Versöhnung leben. Dass wir andere Menschen als Freunde Gottes behandeln. Ihnen Respekt und Freundlichkeit entgegen bringen, auch denen, die uns im ersten Moment abstoßen und die uns erst einmal anwidern.

Ich werde manches hassen, was Menschen tun, aber die Menschen, die das tun, was ich hasse, sind die Menschen, für die Gott lieber stirbt, als ohne sie zu leben.

2. Weil Gott sich mit uns versöhnt hat, dürfen wir hoffnungsvoll leben.
Die Welt, in der wir leben, ist Gottes Welt. Und auch wenn manches gerade so ganz anders aussieht, ist er derjenige, der diese Welt in seiner Hand hat. Es gibt keinen Kampf mehr zwischen Gut und Böse, auch wenn es noch so viel Böses gibt, aber es steht fest, dass Jesus Sieger ist. Wir dürfen auf die Welt hoffen, die einmal so sein wird, wie Gott sie sich gedacht hat. Das ist keine fromme Utopie, kein klerikales Wunschdenken oder ein geistliches Hirngespinst, sondern eine Realität, auf die wir zugehen.

3. Offenheit und Freiheit sollten das sein, was uns ausmacht
Gerade weil wir selber Menschen sind, die von Schuld befreit wurden und von Gott angenommen sind, dürfen wir diese Freiheit leben und verkündigen. Unsere Welt ist dichter geworden und wir werden konfrontiert von Einflüssen, die eine bedrohliche Wirkung auf uns haben. Die Massenproteste im Rahmen von Pegida zeigen, wie groß die Angst von vielen Menschen ist, dass ihnen das genommen wird, was ihnen wertvoll ist. So groß, dass es zu irrationalen Kurzschlussparolen und Massenbewegungen kommt. Die Ängste sind da, aber wir können ihnen offen begegnen und müssen uns nicht abschotten oder Menschen den Zutritt zu unserem Land und Reichtum verweigern, nur weil sie anders sind.
Konkret heißt das auch: Ich darf angstfrei Brücken schlagen zu denen, die so ganz anders sind. Die anders glauben, die einen völlig anderen Lebensentwurf haben und deren Werte jenseits dessen liegen, was ich als gut und richtig wertschätze.
Wir müssen uns nicht zurückziehen in eine fromme Welt hinter verschlossen Kirchentüren, sondern dürfen versöhnt in der Welt leben, die uns umgibt, mit den Menschen, die Gott uns hier in Marburg zur Seite gestellt hat.

4. Wir sind herausgefordert, das zu betonen und sichtbar zu machen, was unseren eigenen Glauben ausmacht
Gerade dann, wenn wir darunter leiden, dass im christlichen Abendland gerade die Sonne untergeht und wir Angst davor haben, dass wir auf eine nachchristliche Kultur entgegen gehen. Gerade dann sind wir herausgefordert, unseren eigenen Glauben zu stärken. Christus wird nicht dadurch in unserer Gesellschaft sichtbar, dass wir uns zurückziehen oder indem wir andere Religionen schlecht machen, sondern dadurch, dass wir mutig und respektvoll dafür eintreten, woran wir glauben.
Und da geht es um die Frage, wie Gott sich tatsächlich in der Bibel uns offenbart und weniger um das, was wir da gern hineininterpretieren oder wie wir uns unseren persönlichen Gott zurechtglauben.
Wir müssen selber verstehen, wer und wie Gott ist, um über ihn reden zu können. Dazu brauchen wir den Austausch untereinander. Wir brauchen Menschen, die uns die Bibel auslegen und wir brauchen Menschen, die uns kritisch hinterfragen.

Wir erleben heute eine Zeit der Ablehnung. Menschen gehen auf die Straße, um gegen eine scheinbare Islamisierung mit Sprechchören und Plakaten zu demonstrieren. Noch wird vor allem demonstriert.
Gleichzeitig hören wir, dass IS-Kämpfer aus dem Krieg in Syrien nach Deutschland zurückkehren mit dem Auftrag, hier ihre Bomben zu zünden und Menschen zu töten. Das macht uns Angst.

Die Kirchengeschichte hat gezeigt, dass auch wir Christen in der Lage sind, ein furchtbar verzerrtes Bild Gottes in unserer Welt zu zeigen. Miguel Servetus ist nur ein Name unter vielen. Wir haben viele blutige Katastrophen angerichtet und sind an Menschen schuldig geworden.
Aber gerade jetzt haben wir die Chance, die Kirchengeschichte weiterzuschreiben und dafür zu sorgen, dass wir die Fehler unserer Vorgänger nicht wiederholen. Wir haben die Möglichkeit, das Wesen und den Charakter Gottes sichtbar zu machen. Damit seine Liebe und Gerechtigkeit unsere Stadt und unser Land erhellt.

Eine Anmerkung zum Schluss:
Gern kannst du dir den Text auch als PDF-Dokument herunterladen. Bitte beachte nur, dass alle Rechte für diesen Text bei mir (Stefan Piechottka) bleiben und ich jeder Veröffentlichung ausdrücklich zustimmen muss.

Klicke auf diesen Satz, um zum PDF-Dokument zu kommen.

Comments

comments