Gemeinde-Cluster

Seit über 15 Jahren beobachte ich Gemeinden aus der Perspektive eines Pastors. Ich glaube nicht, dass dieser Blick etwas Besonderes ist, aber er ist intensiv, da ich einen großen Teil meines Lebens in diesem Bereich verbringe. So beobachte ich, dass es in jeder Gemeinde, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, eine Handvoll Cluster gibt. Menschen, die bestimmte Haltungen gegenüber der Gemeinde miteinander teilen und so Gruppen bilden. Äußerlich betrachten reden wir oft von „der Gemeinde“ und suggerieren damit, dass alle irgendwie gleich sind, ähnlich über ihre Gemeinde denken und die gleichen Erwartungen an andere Mitglieder oder an die Gemeindeleitung haben. Wer genauer hinsieht stellt fest, dass das nicht stimmt. Bis jetzt habe ich diese Cluster für mich entdecken können:

1. Die Macher
Das sind die, die mit Leib und Seele für ihre Gemeinde brennen und sich gerne einbringen. Sie bringen gern neue Ideen ein und sind auch bereit, sich dafür zu investieren, diese umzusetzen. Sie möchten gestalten und verändern.

2. Die aktiven Teilnehmer
Auch sie haben ein großes Herz für die Gemeinde und engagieren sich gern, sitzen aber auch ganz gern in der zweiten Reihe. Sie müssen keine neuen Ideen und Konzepte entwickeln, lassen sich aber gern begeistern. Wenn man sie braucht und sie kennen den Sinn der Arbeit, dann sind sie dabei. Sie bilden den Kern der Gemeinde und die Macher können sich ganz und gar auf sie verlassen. Zu ihnen gehören auch alle die, die einfach treu jahrzehntelang ihre Pflicht erfüllen. Leider fallen sie häufig nur dann auf, wenn sie nicht mehr da sind oder nicht mehr können.

3. Die passiven Teilnehmer
Das sich jemand in diesem Cluster befindet, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Manchmal schlicht und einfach den, dass er zeitlich und körperlich so ausgelastet ist, dass er sich nicht mehr aktiv in die Gemeinde einbringen kann. Hier finden wir auch die Müden und Belasteten, die Kranken und Trauernden.
Gleichzeitig sind hier auch die Fragenden und Suchenden zu finden. Sie sind sehr offen für den Glauben und beschäftigen sich sehr intensiv damit. Sich aktiv in die Gemeinde einzubringen, fällt ihnen noch schwer, aber sie wollen dazugehören und wahrgenommen werden.

4.Die kritischen Teilnehmer
Sie beobachten das Gemeindegeschehen oft aus einer gewissen Distanz heraus. Aus ihrer Richtung kommen in der Regel die demotivierenden Rückmeldungen zu neuen Ideen. Manchmal kann ihre Kritik sehr offen und erbarmungslos sein, manchmal auch sehr subtil. Erschreckenderweise bilden sie nicht selten die Gruppe der Meinungsmacher und stillen Leiter, denn in der Gemeinde wollen wir alle mitnehmen, alle gewinnen, also auch sie. Wir wollen Frieden und eine „warme“ Atmosphäre – und darum wird ihnen oft nachgegeben und die Gemeinde nach ihnen ausgerichtet.
Nicht selten finde wir hier auch ehemalige Macher, die sich aus unterschiedlichen Gründen zurückgezogen haben.

5.Die Besucher
Es sind die, die vielleicht sogar regelmäßig zum Gottesdienst kommen, aber gleich danach wieder gehen. Sie wünschen sich inspirierende Gottesdienste, aber sie brauchen oder wollen keinen engeren Kontakt.

Die Grenzen zwischen den einzelnen Gruppen verlaufen fließend. Auch wenn für viele Christen oft das eigene Cluster als statischer Standpunkt wahrgenommen wird („so bin ich eben“), wird es sicherlich punktuelle Sprünge geben. Macher werden in Krisenzeiten zu passiven Teilnehmern, manchmal auch zu kritischen Beobachtern oder einfach nur zu neutralen Besuchern. Passive Teilnehmer können schnell aktiv werden, wenn es Themen und Projekte gibt, für die ihr Herz brennt. Auffallend dabei ist, dass die Bewegung von einem aktiven Teilnehmer in die Passivität leichter ist und schneller vollzogen wird, als umgekehrt.

Gemeinde mit diesen Menschen entwickeln, bedeutet, diese Cluster ernst zu nehmen und zu verstehen, dass Menschen innerhalb einer Gruppe andere Bedürfnisse haben, aber auch anders behandelt werden müssen, als die Menschen in anderen Clustern. Einen müden, ausgebrannten Menschen muss ich anders sehen, als jemanden, der immer wieder neue Ideen entwickelt und sie umsetzen will. Beide brauchen die Gemeinschaft mit den anderen, aber auf eine andere Weise. Konkret heißt das für

Für die Macher: Sie brauchen viel Freiheit und Vertrauen der anderen, auch einmal Neues wagen und auch scheitern zu dürfen, ohne dabei ihr Ansehen zu verlieren. Ihnen dabei auch immer wieder einmal Möglichkeiten anzubieten, sich neu inspirieren zu lassen, wird sie noch mehr für die Gemeinde begeistern und unendlich viel Kraft freisetzen.
Auf der anderen Seite brauchen sie auch Menschen um sich herum, die sie reflektieren und auch kritisieren dürfen, ohne den Wert ihrer Arbeit oder ihrer Persönlichkeit dabei zu schmälern.
Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten so daran gewöhnt, dass Gemeinden vor allem für die Schwachen da sind, dass die Starken manchmal übersehen werden. Nicht selten werden sie auch misstrauisch beäugt oder es wird ihnen unterstellt, dass sie nun „die Macht“ an sich reißen wollen, was immer das auch heißen mag.
Macher sind so unendlich wertvoll für unsere Gemeinden. Sie zu unterstützen und zu motivieren, wird einer Gemeinde immer gut tun.

Für die aktiven Teilnehmer: Da sie vor allem verstehen wollen, welcher Sinn hinter einer Arbeit steckt, wird sie nichts mehr motivieren, als dass sich Menschen für sie Zeit nehmen und mit ihnen gemeinsam lernen und entdecken, welchen Platz sie in der Gemeinde ausfüllen können. Wer ihnen auch immer wieder neu Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringt, wird sie auch langfristig als Mitarbeiter und Mitglieder begeistern. Wobei nicht der Lob und die Anerkennung die entscheidenden Punkte sind, sondern tatsächlich die Tatsache, dass diese Menschen ihren Platz in der Gemeinde finden, wo sie gefordert, aber nicht überfordert werden.

Für die passiven Teilnehmer: Hier in zwei oder drei Sätzen aufzuschreiben, was diese Menschen brauchen, wäre unsinnig. Es wird unendlich viele Gründe geben, warum diese Menschen in einer passiven Haltung verweilen.
Grundsätzlich gilt aber, dass sie diejenigen sind, die nicht fragen sollten, was sie für die Gemeinde tun können, sondern wie die Gemeinde ihnen dienen kann. Sie sind diejenigen, die getragen und begleitet werde müssen. Manchmal tut ihnen auch einfach nur Aufmerksamkeit gut oder auch nur das Gefühl, dass sie wirklich ganz und gar dazu gehören, ohne etwas leisten zu müssen.
Diejenigen von ihnen, die zwar der Gemeinde offen, dem Glauben aber fragend und zweifelnd gegenüberstehen, brauchen vor allem unsere Aufmerksamkeit. Sie sollen hören, dass sie dazugehören, auch wenn ihre innere Haltung ganz anders ist als die der Masse. Sie dürfen anders sein.

Für die kritischen Teilnehmer: Auch mit ihrer Kritik können sie oft wertvoll für eine Gemeinde sein – und wenn es darum geht, neue Ideen und Vorhaben selber noch einmal kritisch zu überprüfen und auf geistliche Standfestigkeit hin zu testen. Auf der anderen Seite kann ihre Kritik auch sehr destruktiv und lieblos sein. Darum brauchen sie vor allem geschützte Plattformen, wo sie offen reden können und wo ihnen gezeigt wird, dass sie als Menschen und mit ihren Meinungen ernst genommen werden. Gleichzeitig müssen sie hören, dass sie nicht die Leiter der Gemeinde sind und dass auch ihre Freiheit, Kritik offen zu äußern, Grenzen hat.

Für die Besucher: Sie sind herzlich willkommen und das sollen sie auch immer wieder einmal hören und spüren. Gern dürfen sie die Leistungen der Gemeinde in Anspruch nehmen. Sie hin und wieder auch einmal herauszufordern, einmal über einen Schritt auf die Gemeinde zu zumachen, kann ihnen helfen, ihre Passivität zu verlassen oder zumindest, ihre distanzierte Haltung einmal zu hinterfragen.
Gleichzeitig müssen sie auch hören, dass sie nicht wirklich Teil der Gemeinde sind, sondern eben nur Besucher und somit nicht automatisch einfordern können, dass sie die Vorteile und Aufmerksamkeiten von Mitgliedern erleben.
Theologisch gesehen ist so eine Aussage sicherlich etwas fragwürdig, da jeder Christ Teil der Gemeinde Jesu ist und somit auch immer in einer Ortsgemeinde Zuhause ist. Trotzdem müssen wir irgendwo eine Linie ziehen, zwischen denen, die eine Gemeinde mitgestalten und denen, die sie nur punktuell wahrnehmen. Diese Spannung zwischen voller Zugehörigkeit einerseits und dem Status des Gastes andererseits ist nicht leicht und doch für die Entwicklung der Gemeinde sehr wichtig.

Cluster können uns helfen, einen besseren Überblick über die Menschen in unserer Gemeinde zu bekommen und den unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen zu entsprechen. Natürlich hat diese Zuordnung Grenzen und sollte nicht absolut und zu scharfkantig betrachtet werden. Es geht immer um individuelle Menschen, von denen jeder einzelne in sich von Gott als geniales Ebenbild geschaffen wurde und eine ganz eigene Persönlichkeit mit einem eigenen Charakter und einer ganz eigenen Biografie in sich trägt.