Neubelebung von Gemeinden oder: Welche Geschichte erzählt ihr eigentlich?

Im Marketing gibt es eine wichtige Frage, wenn es darum geht, herauszufinden, wie gut ein Produkt auf dem Markt platziert ist. Es geht um die Geschichte, die erzählt wird, wenn jemand an diese Marke denkt.
Die Lila Kuh von Milka erzählt uns die Geschichte von Gemütlichkeit und einem glücklichen Leben auf dem Land mit einer guten Portion Verrücktheit (Hallo? Die Kuh ist lila!). Audi erzählt uns, wie sich ein Leben hart am Limit anfühlt und dabei trotzdem extrem sicher und bequem ist. Die Bahn … nun ja, da ist es eher eine etwas traurige Geschichte die wir von ihr kennen. Die Geschichte von überfüllten Abteilen, ausgefallenen Klimaanlagen und viel zu spät kommenden Zügen. Denn die Geschichten, die uns ein Produkt erzählt, das ist nicht einfach nur das, was uns in der Werbung über das Produkt erzählt wird. Es geht auch darum, wie es im echten Leben erlebt wird. Und Realität schlägt immer die Werbung. Das heißt: Wenn für viele Leute ein Produkt echter Mist ist, dann ist es auch Mist, auch wenn die Werbung uns bunte Blumenwiesen verkaufen will.

Als Pastor und Berater frage ich mich: Welche Geschichte erzählt eine Gemeinde in ihrer Nachbarschaft? Worüber redet man, wenn irgendwo zwischen Bier und Bratwurst sich plötzlich einmal das Gespräch um die Kirche am Ende der Straße dreht? Das können manchmal sehr schön oder auch sehr schräge Geschichten sein. Übrigens, auch wenn es keine Geschichten gibt, ist das eine Geschichte. Nämlich die traurige Geschichte von der Gemeinde, die es in den Köpfen ihrer Nachbarn gar nicht gibt. Da können die, die am Sonntag dort Gottesdienste feiern, noch so begeistert von ihrem „Produkt“ sein.

Vor einigen Tagen habe ich hautnah erlebt, wie es sich anfühlt, wenn mit einem Mal eine neue Geschichte erzählt wird. Ich begleite seit ein paar Monaten eine Gemeinde in der Nähe von Marburg. Vor einigen Jahrzehnten war sie eine echte Größe im Dorf, aber in den letzten Jahren ist von diesem Glanz nicht mehr viel übriggeblieben. Ihre Geschichte? Vielleicht hörte sie sich in etwas so an: Bei uns im Dorf gehen schon immer weniger in die „richtige Kirche“. Die ist schon nur was für Alte. Warum sollten wir jetzt in diese andere gehen? Irgendwie ist die komisch, klein, im Hinterhof.“
Und dann passierte letzte Woche etwas Spannendes. Diese kleine Gemeinde veranstaltete eine Legowoche. Vier Tage hintereinander bauten Kinder aus dem Dorf und der Umgebung zusammen aus 200.000 Legosteinen eine kleine Legostadt zusammen. Rund 40 Kinder kamen jeden Tag und strahlten über das ganze Gesicht. Es gab Kuchen, Getränke und Legosteine bis zum Abwinken. Einige redeten den ganzen Tag davon, dass es am Nachmittag endlich weitergeht. Die Eltern setzen ihre Kinder nicht nur am Straßenrand aus, sondern kamen mit, redeten mit den Mitarbeitern und waren unendlich dankbar für das Angebot.

Jetzt ist diese Gemeinde in den Köpfen vieler Kids die coole Gemeinde, wo sie mal ein paar richtig gute Tage erlebt haben. Auch solche Geschichten breiten sich im Dorf aus und schreiben die Geschichte neu. Neubelebung braucht Zeit, aber ist vielleicht gar nicht so schwer.

Müssen wir uns neu erfinden?

Seit ein paar Tagen geistert ein Gedanke durch meinen Kopf, der nicht neu, aber irgendwie gerade besonders laut ist. Unsere Gesellschaft besteht ja aus vielen Teilsystemen, etwa der Politik, der Wissenschaft, der Kunst usw.. Sie existieren nicht isoliert nebeneinander, sind aber trotzdem in sich selbstständig. Seit der Reformation oder spätestens mit der Aufklärung haben sich diese Teilsysteme mehr und mehr von der Kirche emanzipiert.
Ob das gut oder schlecht für die eine oder andere Seite ist, ist ein ganz anderes Thema. Sicher ist, dass die Kirche dadurch sehr stark an Relevanz verloren hat und dieser äußere Relevanzverlust hält immer noch an und wird immer sichtbarer.

Ich weiß nicht, ob ich damit daneben liege, aber ich bilde mir ein, dass ich seit einigen Jahren nun mehr und mehr auch einen inneren Relevanzverlust wahrnehme. Ich meine damit, unsere Anstrengungen, Kernaufgaben der Gemeinde Jesu mehr und mehr an darauf spezialisierte Organisationen zu delegieren. Wir haben Missionsgesellschaften, die sich um unsere Missionare kümmern, Ausbildungsstätten, die qualitativ hochwertige Studiengänge anbieten und zahllose diakonische Einrichtungen, die unseren Glauben für uns stellvertretend in die Tat umsetzen. Auch das ist nicht neu, erzeugt aber mehr und mehr Passivität, da “unsere” Aufträge von anderen erfüllt werden.

Hinzu kommt eine radikale Verbreiterung der Angebotsmenge im Blick auf Verkündigung und Seelsorge. War die Predigt am Sonntagmorgen noch vor 300 Jahren alleiniges Zentrum der biblischen Lehre, so schauen wir heute auf eine ständig wachsende Anzahl von Büchern, Zeitschriften, Internetplattformen, Fernseh- und Radiosendungen. Für die Seelsorge ist auch noch der Pastor zuständig, aber neben ihm stehen gleichzeitig Hunderte von Beratern, Coaches, therapeutischen Seelsorgern in bester Lage und zu halbwegs moderaten Preisen.
Eine weitere Beobachtung ist die, dass es so etwas wie eine Gemeindemüdigkeit zu geben scheint. Die Besucherzahlen im Gottesdienst gehen zurück, falls deine Gemeinde nicht zu einer dieser hippen attraktionalen Veranstaltungszentren gehört, die mit ziemlich guter Musik, unterhaltsamen Predigten und gut aussehenden Besuchern die Leute anzieht.

Wir sagen, die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt, aber ist das oft nicht mehr, als eine leere Worthülse? Brauchen wir sie in der Form, wie wir sie heute noch kennen, überhaupt noch? Wir haben genug Alternativen.
Was würde dir fehlen, wenn es deine Gemeinde vor Ort nicht mehr geben würde? Und was würde den Menschen in deiner Stadt wirklich fehlen?
Ich glaube daran, dass Gemeinde Jesu kein Auslaufprodukt ist, aber ich frage mich, ob wir sie nicht neu erfinden müssen. Und wenn ja, was das genau bedeutet.
Ein missionlaer Ansatz klingt erst einmal sehr schlüssig und es gibt wertvolle Beispiele von Gemeinden, die in dieser Richtung unterwegs sind, aber ist das die einzige Antwort? Was ist mit den Gemeinden, die in sich so müde geworden sind, dass schon die Organisation eines Straßenfestes wieder einmal darin endet, dass drei alles machen und der Rest an dem Tag woanders ist?
Ich denke über dieses Thema schon sehr lange nach. Vielleicht ist es an der Zeit, hier radikaler zu denken, statt kleine Veränderungen aneinander zu reihen.

Ich habe hier auch keine wirklich guten Antworten, aber vielleicht habt ihr sie.

Ich brauche keine Erweckung

Ich gehöre zu den Leuten, die sich seit einigen Jahren die Frage stellen, wie Kirche in Zukunft aussehen kann. Gleichzeitig frage ich mich, wie wir bestehende Gemeinden auf dem Land mit neuem Leben füllen können. Richtig, das sind erst einmal zwei verschiedene Fragen. Sie haben aber eine Menge gemeinsam.

Zum Beispiel die Frage:

Wie schaffen wir es, die ganzen guten Ideen auch umzusetzen?

An dieser Stelle höre ich oft eine Antwort, die in etwa so klingt: „Wir brauchen nicht nur gute Konzepte, sondern vor allem Christen, die bereit sind, auch diese Konzepte umzusetzen. Dazu müssen Christen  neu Feuer fangen für die Menschen, die Jesus noch nicht kennen. Wir brauchen also  eine Erweckung in unseren Gemeinden. Eine neue Kirche muss von innen nach außen wachsen.“

Das hört sich richtig an.
Das hört sich sehr geistlich an.
Hier nicken alle gerne.
Ich hab es trotzdem einmal hinterfragt.

Zwei Gedanken dazu:

  1. Ich staune darüber, was Menschen tun können und wie sehr sie sich aufopfern. Ganz gleich, ob es um den Syrer geht, der gerade für einen politischen Umbruch in seinem Land kämpft und dafür bereit ist, sein Leben und seinen ganzen Besitz aufs Spiel zu setzen. Oder auch der Marathonläufer beim Irionmen, der bereit ist, die Schmerzgrenze hinter sich zu lassen und stundenlang durch die sengende Hitze läuft. Diese Menschen wurden dazu vermutlich nicht vom Geist Gottes inspiriert, aber sie tragen eine unglaubliche Motivation in sich. Muss ich wirklich eine Erweckung abwarten, um bereit zu sein, die Grenzen meiner eigenen Bequemlichkeit zu überwinden? Ich denke nicht.
  2. Wenn ich sage, dass wir erst eine Erweckung brauchen, dann unterstelle ich nahezu jedem Christen (bis auf denen, die gerade die richtigen Bücher lesen), dass sie schlafen, geistlich durchhängen und selbstgenügsam vor sich hinleben. So eine Unterstellung stet auf sehr wackeligen Beinen. 
Mein Wahrnehmung ist die, dass es Christen in unseren Gemeinden gibt, die wirklich brennen, die eine unglaubliche Sehnsucht danach haben, dass sich noch einmal in ihrer Nachbarschaft etwas tut, dass Menschen um die herum neu begreifen, wie sehr Gott sie liebt und dass die Kirche tatsächlich die Hoffnung der Welt ist. 
Dann gibt es diejenigen, die leicht zu begeistern sind, die gute Impulse brauchen, um angesteckt zu werden. Sonst wären Seminare mit Michael Frost oder Willowcreek-Tagungen nicht so erfolgreich. Hier bricht auch keine Erweckung aus, sondern hier begeistern die richtigen Menschen die richtigen Zuhörern mit den richtigen Worten. 
Dann gibt es die Ängstlichen, die die Schweißausbrüche bekommen, wenn sie das Wort Veränderung hören. Sie haben oft das Herz an der richtigen Stelle, aber sie bekommen Lähmungserscheinungen, wenn sie über ihren eigenen Schatten springen sollen. 
Dann gibt es die Betonköpfe. Diejenigen, die im Gemeindevorstand nur deswegen sitzen, um darauf zu achten, dass sich auch nichts ändert. Die Bremser, die grundsätzlich gegen alles sind und die kein Problem damit haben, dass Menschen um sie herum geistlich verrotten, solange es ihnen gut geht, die Bibelstunde stattfindet und der Gottesdienst am Sonntag so wie immer verläuft und die mitzählen, wie oft Jesus in einer Predigt erwähnt wird. Alles andere interessiert sie nicht.
    Und dann gibt es die vielen anderen, die irgendwo dazwischen sind und die einen oder mehrere Typen in sich vereinen oder die noch einmal ganz anders sind. Kurz: Es gibt nicht DIE Christen und viele Christen sind motiviert und bereit, etwas zu bewegen, wenn wir es schaffen, den Funken überspringen zu lassen, auch ganz ohne Erweckung. 

Nun habe ich wirklich nichts gegen Erweckung und ich wäre Gott unendlich dankbar, wenn er sie uns schenken würde.

Aber hat Jesus gesagt:

„Wartet die Erweckung ab und dann läuft es schon irgendwie“ oder waren seine Worte: „Geht hin in die ganze Welt … “?

Zum Schluss ein paar Thesen, die vielleicht dabei helfen, Menschen aus unseren Gemeinden für eine neue Form von Kirche oder für eine Neubelebung ihrer Gemeinde zu gewinnen:

  1. Wir müssen aufhören, den Lauten die Macht in der Gemeinde zu überlassen. Oft sind es gerade die, die schon aus Prinzip bremsen, die mit Austritt drohen, wenn wir wagen, etwas zu verändern. Als Leiter ist es nicht in erster Linie unsere Aufgabe, neue Freunde in der Gemeinde zu finden. Wir müssen es nicht allen recht machen. Wir sollen den Menschen dienen, wir sollen sie lieben, aber wir gehören ihnen nicht und unsere Zukunft hängt nicht von ihrem Wohlwollen ab, sondern liegt in den Händen Gottes. 
Darum sollten wir nicht fragen: „Was muss ich tun, damit alle glücklich sind, sondern: „Wie sieht Gottes Plan mit uns aus und wie kann ich möglichst viele dafür gewinnen und begeistern?“
  2. Ziele und Visionen sollten gemeinsam entwickelt werden. Wir sollten den Gedanken sehr ernst nehmen, dass wir alle Priester sind und nicht nur die Hauptamtlichen. Und ein Körper bewegt sich nur dann, wenn viele Muskeln, viele Nerven und das Gehirn eng zusammenarbeiten. Was ich selbst entwerfen darf, werde ich mit einer ganz anderen Begeisterung umsetzen, als einen Plan, den man mir vorlegt und dann sagt: „Mach mal“ 
Auch wenn es in unseren Gemeinden Leiter geben muss, so ist die einzige Hierarchie, die mir einfällt, die zwischen uns allen und Gott als König.
  3. Ängste und Zweifel dürfen keine Tabu-Themen sein. Ich bin immer noch ein „guter Christ“, wenn ich Panik davor habe, dass sich meine Gemeinde und meine Gewohnheiten verändern könnten. Ich darf Angst davor haben, mich Menschen zu öffnen, vor denen ich Angst habe und ich darf daran zweifeln, ob es richtig ist, den normalen Gottesdienst nur noch einmal im Monat zu feiern und an den übrigen Sonntagen auf dem Sportplatz im Dorf zu sitzen, mitzugröhlen und Bier zu trinken. 
Ich darf verlangen, dass mir so ein Schritt sauber begründet wird.
  4. Als Leiter sollten wir (vielleicht neu lernen) mit Worten Bilder (zu) malen, statt Fakten zu präsentieren. Oft reduzieren wir unsere Reden darauf, biblische Wahrheiten aneinanderzureihen, um dann eine Liste herumzugeben, auf die man dann seinen Namen schreiben soll. 
Leiter, es ist unser Job, Menschen zu motivieren. Bleiben wir kurz bei Jobs. Steve Jobs hat es geschafft, Menschen für vollgestopfte Elektrogeräte zu begeistern. Wie lange werden sie halten? 5 Jahre? 10 Jahre? Wir haben eine Botschaft, die deutlich besser ist, als das iPhone und die auch viel länger hält. Wir haben mehr zu sagen, als Jobs jemals zu sagen hatte. Darum macht es Sinn, dass wir auch hart daran arbeiten, wie wir es sagen.

Gemeinde

Wenn ihr euch einmal in unterschiedlichen Gemeinden in Deutschland umschaut, dann werdet ihr schnell sehr viel Frust und Angst entdecken.

Viele Gemeinden werden immer kleiner. Manchmal nehmen schlicht und ergreifend die Mitgliederzahlen ab, manchmal schrumpfen die Gottesdienstbesucherzahlen und manchmal sind es auch nur die Zahlen der ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Andere sind davon frustriert, dass nur noch wenig Menschen zum Glauben finden. Echte tiefgehenden Bekehrungen, wie wir das von früher kennen, scheinen eine echte Seltenheit zu werden.

Manche sind darüber frustriert, dass ihre Gemeinde offensichtlich immer weniger Geld hat, weil immer weniger gespendet wird.

Die Volkskirche ist schon lange keine Kirche mehr für das Volk. Wenn es gut läuft, dann noch höchsten für ein bestimmtes Milieu, aber von einem Großteil der Bevölkerung wird sie nicht mehr wahrgenommen.

Die Kirche steht noch im Dorf, aber sie ist verschlossen, weil niemand mehr hingeht.

So ein Bild frustriert.

Es macht Angst und es stellt sich schnell die Frage, wie die Gemeinde Jesu morgen aussieht, wenn es überhaupt ein Morgen gibt.

Vielleicht ist es ja doch dran, auszusterben. Zumindest in Europa.
An dieser Stelle entdecke ich immer wieder einmal Christen, die gerne etwas sagen, das mit „Man müsste einfach nur …“ beginnt.

Man müsste einfach nur mal wieder zur richtigen biblischen Lehre zurückkehren.
Man müsste die Gottesdienste nur mal für Besucher attraktiver machen.
Man müsste seinen Leuten nur endlich mal wieder klar sagen, wo es lang geht.
Man müsste nur mal die Ressourcen, die wir haben, richtig nutzen, unsere Gebäude, die Technik und all das andere.
Man müsste nur mal eine bessere, klarere Leitungstruktur einführen.

Dann, ja, dann wird bestimmt alles wieder gut.

Lasst uns einmal für einen Augenblick ein paar Jahrhunderte zurückschauen.

Im Jahr 100 gab es schätzungsweise in Europa, Asien und Afrika zusammen rund 25.000 Christen. Nur damit wir was mit der Zahl anfangen können: Marburg hat rund 75.000 Einwohner.

Die nächsten 200 Jahre werden für die Gemeinde sehr turbulent sein.

Der Staat wird viel Druck auf die Christen ausüben. Wenn es mal gut läuft, wird man die Gemeinde tolerieren, im schlimmsten Fall wird man sie blutig verfolgen.

Es gibt auch für die nächsten 200 Jahre keine klare, einheitliche und von Irrlehren befreite biblische Lehre. Das Neue Testament wird in dieser Zeit erst entstehen.

Lehren, Irrlehren und irre Lehren werden nebeneinander exsitieren und zum geistlichen Alltag der Gemeinden gehören.

Es gibt keine Kirchen. Man hat ein paar Versamlungsräume gefunden, aber das waren fast immer umgebaute Wohnhäuser.

Es gibt keine theologischen Hochschulen, keine akkreditierten Ausbildungstätten.

Vermutlich gibt es noch nicht einmal einheitlichen Gottesdienst- und Gemeindeordnungen.

Wie hoch würdet ihr die Chance einschätze, dass eine Kirche überleben kann,

die so klein und unbedeutend ist, dass sie kaum ins Gewicht fällt
die vom Staat verfolgt wird
deren Lehre uneinheitlich ist
die sich in ihrer Lehre nur auf einzelne, nicht autorisierte Schriftstücke berufe kann
die noch nicht mal ein richtige Gebäude besitzt
und wo jede einzelne Gemeinde sich selbst organisieren muss

Wie viele Jahre würdet ihr so einer Kirche noch geben?

10, 20, 50 Jahre?

Man schätzt, dass die Zahl der Christen im Jahr 300 auf über eine Million angewachsen ist. Und das, obwohl sich die äußeren Umstände nicht wirklich verändert haben.
Erstaunlich, oder?

Von 25.000 auf 1 Million gewachsen in nur 200 Jahren.

Was haben sie angestellt, dass sie zahlenmäßig so explodiert sind?

Es waren nicht die äußeren Umstände, denn die waren katastrophal
Es war nicht ihre Bibeltreue, denn es gab keine Bibel

Offen gesagt habe ich auf die Frage, was sie damals gemacht haben, noch keine wirkliche Antwort. Ich habe ein paar Vermutungen, aber mehr auch nicht.

Was ich aber weiß dass ist das hier: In der Gemeinde Jesus wirkte damals offensichtlich eine gewaltige Kraft. Eine Kraft, die in einer schwachen Bewegung mit durchschnittlichen Menschen sehr mächtig war.

Eine Kraft, an der sichtbar wird, dass Gemeinde kein Verein von religiös Interessierten ist, sondern Leib Christi.

Und das ist auch der Grund, warum ich mich weigere, resigniert auf die Gemeinde Jesu in der Gegenwart zu schauen.

Ich weigere mich zu denken, dass wir in Europa vom Aussterben bedroht sind.

Ich weigere mich, in das Lied derer einzustimmen, die davon überzeugt sind, dass es mit uns immer nur schlimmer werden und immer weiter bergab gehen wird.

Weil ich davon überzeigt bin, dass Jesus nach wie vor in und durch seine Gemeinde wirken will und wirken wird.

Darum sehe ich es auch als richtig an, hier zu träumen.

Davon, dass wir uns wieder und wieder neu dieser ursprünglichen Kraft Gottes aussetzen und uns wirklich nur von Jesus abhängig machen und nicht von Gebäuden, den richtigen Veranstaltungen oder vom Geld.

Ich träume davon, dass wir uns niemals von den äußeren Umständen beeindrucken lassen, weil wir darauf vertrauen, dass Jesus tatsächlich der Herr ist.

Ich träume davon, dass durch uns Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen, sie in ihren Seelen gesund und zu Menschen werden, die mit ihrem Leben und ihren Worten anfangen Gott zu ehren.

Von Schöpfern, Giftmischern und Gewohnheitstieren

Oft höre ich Sätze: „Die Gemeinde müsste mal …“ oder „Unsere Gemeinde ist so und so“ und nicht selten dreht sich mir dabei der Magen zumindest etwas zur Seite. Denn es gibt nicht „die Gemeinde“, sondern sie besteht eben aus ganz unterschiedlichen Menschen und nicht aus einer einheitlichen Masse.

Allerdings sehe ich dabei doch auch immer mal Menschen, die sich durchaus in typische Gruppen zusammenfassen lassen. Sehr schlicht und damit sehr übersichtlich finde ich dabei den Ansatz Gordon MacDonald. Er sieht in einer durchschnittlichen Gemeinde nur diese 3 Gruppen von Menschen:

  1. Die Generativen
  2. Die Toxischen und
  3. Die Habituellen

In seinem Buch: Ich will meine Gemeinde zurück skizziert er diese einzelnen Gruppen. Ich habe diese Punkte teilweise von ihm übernommen und ergänzt. Manches auch einfach weggelassen. Das hier ist also so ein MacDonald-Piechottka-Ding.

MacDonald beginnt mit den Generativen 

  1. Sie tragen ihre Bestimmung in sich. Sie haben begriffen, warum und wozu es ihre Gemeinde vor Ort gibt, welche Ziele sie erreichen will. Wenn man ihnen die Frage stellt: „Was würde deinem Ort fehlen, wenn es deine Gemeinde nicht mehr geben würde?“, dann könnten sie das beantworten.
  2. Sie denken und arbeiten gerne synergetisch. Sie spüren es, dass sie sich gegenseitig brauchen, sehen sich nicht als Konkurrenten der guten Ideen, sondern denken miteinander und arbeiten füreinander, weil sie wissen, dass sie miteinander ein viel größeres Ziel erreichen können, als nur jeder für sich. Nicht nur deswegen sind sie von Gemeinde begeistert.
  3. Menschen wachsen geistlich in dieser Gruppe. Sie sind eher bereit, Grenzen zu überschreiten und sich stärker von Gott abhängig zu machen. Das fordert ihren Glauben heraus und weckt ihren Wunsch, dazu zu lernen. Sie vertrocknen nicht auf irgendwelchen einzementierten Standpunkten, sondern sie sind ständig in Bewegung.
    Sie sind dabei bereit, voneinander zu lernen und aufeinander zu hören.
  4. Sie haben keine Angst vor Konflikten. Sie lieben sie auch nicht, aber sie möchten das, was die blockiert und angreift, eben nicht unter den Teppich kehren, sondern aus der Welt schaffen. Dadurch wachsen sie enger zusammen.
  5. Andere Menschen werden von ihnen inspiriert. Generative Menschen oder Gruppen sind für andere ansteckend und anziehend.

Mal eine Zwischenbemerkung: Mir ist klar, dass MacDonald hier ein Ideal aufmalt, aber vielleicht sollten wir es eher als Modell verstehen, bei dem viele Details und Ausnahmen einfach einmal weggelassen werden, um die Übersicht zu behalten.

Die zweite Gruppe, die er nennt, das sind die toxischen Menschen oder Gruppen einer Gemeinde. Also die Nöhler und Nörgler, die Dauerbremser. Typisch für sie:

  1. Sie machen ihre Nähe zur Gemeinde davon abhängig, was für sie dabei herausspringt, wenn sie kommen oder wenn sie sich einbringen.
  2. Ihre Grundstimmung liegt irgendwo zwischen negativ und schlecht. Sie haben immer etwas zu kritisieren und sind misstrauisch der Leitung und neuen Ideen gegenüber.
  3. Sie schaffen es oft, dass sich die Gemeinde um sie dreht, statt um ihre eigentlichen Aufträge. Man versucht ständig, es ihnen recht zu machen, sie wieder zu gewinnen und ihre Probleme zu lösen.
  4. Oft zerstören sie Menschen. Hauptamtliche verlieren in ihrer Nähe nach und nach Kraft und Begeisterung. Allein mit ihren Blicken und ihrer Körperhaltung rauben sie jedem halbwegs begeisterten Mitarbeiter jeden Mut und jede Form von Energie. Und manchmal triumphieren sie darüber, dass sie mal wieder diesem „jungen Kerl gezeigt haben, wo der Hammer hängt“.

Zwischen diesen beiden Extremen findet sich die habituelle Gruppe. Man erkennt sie daran:

  1. Sie lieben es, Dinge so zu tun und zu erleben, wie sie es immer schon gewohnt waren. Sie mögen Traditionen und sie wüschen sich keine Veränderungen. Hier fühlen sie sich wohl und sicher.
  2. Oft fehlt ihnen echte Leidenschaft füreinander und für die Gemeinde.  Ihre Beziehung zu Jesus kann dabei sehr stabil sein, weil sie es gewohnt sind, darauf zu achten, aber das Miteinander langweilt sie schon ein wenig und sie könnten nicht eindeutig sagen,warum man sich überhaupt treffen sollte. Auf der anderen Seite haben sie eine große Angst davor, etwas zu verändern, weil das bedeuten könnte, andere zu verlieren oder die eigene Sicherheit aufzugeben. Sie finden sich damit ab, dass ihr Gemeindeleben in einer grauen Suppe vor sich hinköchelt.
  3. Leistungen, die sie erbringen, erfordert oft wenig Mut. Es wird das getan, was innerhalb der eigenen Ressourcen und der eigenen Vorstellungskraft sicher erscheint. Typisch könnte hier der Satz sein: „Es mag sein, dass Jesus uns zu etwas ganz Neuem herausfordert, aber wir können uns das finanziell einfach nicht leisten.
  4. Sie bremsen oft generative Menschen mit sehr geistlich klingenden Argumenten aus.

Ja, vielleicht gibt es noch viel mehr Gruppen (aber findet mal Menschen, die man hier nicht unterbringen kann und fasst sie in Worte).

Für mich stellen sie hier ein paar Fragen, die ich einfach mal unrund so weitergebe:

  1. Wer darf eine Gemeinde leiten? Ist es klug, den Generativen die volle Verantwortung zu übergeben? Warum eigentlich nicht?
  2. Auf wen höre ich, wenn es um neue Wege geht? Wen überhöre ich, wenn kritische Fragen geklärt werden müssen?
  3. Mit wie viel Druck darf ich einer toxische Gruppe oder einzelnen toxischen Menschen den Mund verbieten?

Vielleicht hat ja jemand Lust hier mit- oder weiterzudenken.

Missional

Der Begriff “missionale Gemeinde” wandert im Augenblick durch viele Gemeinden, Zeitschriften und Bücher. Spannend finde ich dabei, dass – im Gegensatz zu vielen anderen Wellen und Gemeindetrends aus meiner Sicht es so gut wie keinen Gegenwind gibt (okay, bis auf ein paar Leute, die es sich zum Hobby gemacht haben, Bücher verbal zu verbrennen, bevor sie sie lesen). Vielleicht ist es mehr, als ein Trend und mehr als nur ein neues Gemeindemodell. Kann es sein, dass hier der ursprüngliche Herzschlag der Kirche wieder neu ans Licht kommt? Eine neue Reformation?

Erschreckend ist dabei allerdings zu sehen, wie missional manchmal verstanden wird. Da reicht die Spannweite von einem netten Gemeinde-add-on (“wir haben jetzt auch eine missionale Gruppe bei uns”) über die  Reduzierung auf bestimmte Veranstaltungen (“wir machen jetzt einmal im Monat einen missionalen Gottesdienst” (was immer das bedeuten mag) bis hin zu einem Austausch von Begriffen (“wir reden nicht mehr von Evangelisation, sondern von missionaler Arbeit”).

Das meiner Ansicht nach schönste und griffigste Bild für eine missionale Gemeinde kommt von Michael Frost (The road to missional, Seite 29). Er beschreibt hier die Szene in einem Kino vor dem Hauptfilm. Wir sehen dort ein paar Trailer, die uns zeigen, wie spannend, cool oder lustig irgendein Film ist, der demnächst erscheinen wird. Wenn der Trailer gut ist, wird sich im Kinosaal irgendjemand zu seinem Nachbarn umdrehen und ihm sagen:

“Ich will diesen Film sehen.”

Eine missionale Gemeinde ist eine Gemeinschaft von Menschen, die das Reich Gottes in kleinen Ausschnitten anderen Menschen so sichtbar macht, dass sie sagen:

“Ich will diese Welt kennen lernen. Ich will mehr von dem sehen, was sie verstanden haben.”

 

Es geht nicht in erster Linie darum, was wir tun, sondern wie wir Menschen begegnen. Nicht in erster Linie um unsere Lehre, sondern um unser Sein.