Gott ist wild!

Gestern saß ich mit meiner Tochter bei unserer Kinderärztin. Nach der Untersuchung plauderten wir ein wenig. Die Ärztin: „Was machen sie eigentlich beruflich?“ Ich: „Ich bin Theologe.“ Sie, nach ein paar sehr nachdenklichen Momenten: „Dafür haben Sie aber immer noch eine Menge Ausstrahlung und Lebensfreude.“

Ich mag unsere Kinderärztin. Sie ist ehrlich und sagt, was sie denkt. Wir haben dann noch ein paar Minuten weiter geredet und nicht alles, was wir da besprochen haben, muss der Nachwelt überliefert werden, aber es wurde doch deutlich, wie viel Frust da in ihr steckt, wenn sie über die Langeweile in Gottesdienste spricht und vor allem, über das blutarme Auftreten von Pfarrerinnen und Pfarren, das sie immer wieder selbst durchlitten hat.

Nun habe ich meine Heimat sowohl in der Landes- als auch in der Freikirche. Ich arbeite in der Gemeinschaftsbewegung, die geografisch irgendwie dazwischen liegt. Ich habe so unendlich viele unterschiedliche Gottesdienste erlebt. Darum muss ich ihr leider Recht geben. Die Reduzierung der Freude im Gottesdienst auf das Niveau der lebenserhaltene Maßnahmen ist keine Ausnahme, sondern leider viel zu oft brutale Realität – mal abgesehen von ein paar schönen und manchmal auch wilden Ausnahmen.
Menschen, die auf den ersten Blick völlig normal wirken, verwandeln sich nicht selten mit Hilfe eines Talars selbst an Ostersonntag noch in menschliche Einschlafhilfen.
Die Kirche gilt zumindest in unserem Land nicht als das Zentrum der Lebensfreude, obwohl wir eigentlich genug Grund zum Lachen haben.

Und das Phänomen ist ja auch nicht ganz neu (den Schwenker muss ich jetzt machen, um meinem Post ein wenig intellektuelle Tiefe zu geben). Nitzsche war es ja, der schon vor vielen Jahren gesagt hat: „Bessere Lieder müssten sie (die Christen) mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!”
So ganz glaube ich ihm nicht, dass sich für ihn dann wirklich etwas verändert hätte, wenn die Musik im Gottesdienst und die Gesichtszüge der Christen sich geändert hätten, aber gerade weil dieses Zitat sich ja durch die letzten Jahrhunderte gerettet hat und immer wieder gern zitiert wird, scheint er ja einen Nerv getroffen zu haben, der damals wie heute weh tut.
Woran liegt es, dass viele Gottesdienste und die Menschen, die sie gestalten, so wirken, als hätten wir gerade erfahren, dass unser Lieblingsmeerschweinchen seine letzte Reise angetreten hat?
Vielleicht meinen wir, wir könnten die Heiligkeit Gottes mit Ernsthaftigkeit und wohlgeformten Worten am besten ausdrücken. Wenn ich mir aber anschaue, wie diese Heiligkeit in der Bibel beschrieben wird, dann entdecke ich da aber auch ganz viel Leidenschaft, Feuer und Stärke. Dieser heilige Gott hat so Dinge, wie Krokodile und Löwen geschaffen. Heiligkeit Gottes oder besser das Wesen Gottes sollten wir nicht darauf reduzieren, dass wir meinen, er würde nur andächtig in der Ecke sitzen und den Kopf schief auf die Seite legen. Gott ist wild.

Vielleicht leben wir auch unterschwellig mit der Heidenangst, wir könnten über Gott etwas Falsches sagen und damit unseren ganzen Glauben und unsere Lehre auf üble Weise beschädigen. Gott liebt uns nicht mehr. Mein Sohn hat übrigens mal vor ein paar Wochen gegenüber seinem Freund behauptet, ich hätte schon als Soldat im Krieg gekämpft. Damals, 45. Und ich liebe ihn immer noch, auch wenn er so etwas sagt. Und ich glaube, Gott ist da noch viel besser als ich.
An dieser Stelle passt das, was einmal ein befreundeter Dozent für Predigtlehre bei einem Bier gesagt hat Er rät seinen Studenten rund 10% Häresie in ihre Predigten einzubauen. Das erhöht zum Einen die Aufmerksamkeit bei den Hörer und regt zum Anderen nach dem Gottesdienst zum Gespräch an (ab 15% finden die Gespräche dann übrigens nicht mehr nach, sondern hinter der Kirche statt).
Ist so eine Angst berechtigt? Ich denke nicht. Wenn es wahr ist, dass Jesus für uns alles getan hat, was nötig ist, um eine ewige Beziehung mit Gott zu haben und wenn es stimmt, dass dieser Gott lieber stirbt, als ohne uns zu leben, dann sollten wir endlich verstehen, dass wir gar nicht genug Fehler machen können, um es zu vermasseln.

Ich glaube nicht, dass wir eine Trendwende einleiten werden, wenn wir von allen, die Gottesdienste mitgestalten in Zukunft verlangen, sie sollen sich wie Ronald McDonald anziehen.

Vielleicht reicht es, wenn wir uns nur mal wieder daran erinnern, was für einen Gott wir in unseren Gottesdiensten feiern. Er ist an Liebe und Kreativität nicht zu überbieten. Er hat ein Universum zusammengebastelt, von dem wir bis heute noch nicht mal wissen, wie groß es nun eigentlich wirklich ist. Er stellt uns da hinein und sagt dann: „Schaut euch um und lernt an dem, was ihr seht, wie groß und genial ich bin.“ Er wird in Jesus Mensch, damit wir göttlich werden können. Er weiß, wie sich die Ewigkeit und die Unendlichkeit anfühlen und gleichzeitig auch, was es heißt, einsam und hungrig zu sein. Wir finden ihn in der Stille und auch ein Vulkanausbruch ist kein gottloser Ort. Jesus hat mit Huren und anderen Sündern gefeiert und einmal gesagt: „Wer mich sieht, der sieht Gott.“ Das ist entweder Blasphemie oder Gott ist uns unglaublich nah, sprüht nur so von Lebensfreude und definiert „Feiern“ nicht mit Hilfe von rotem Tee und dänischen Butterkeksen.

Gott ist mehr, als trauriges Meditieren.

Konzept

Nach meinem letzten Eintrag zum Thema Heiligabend bekam ich ein paar Mails und Kommentare mit der Frage, wie wir denn nun die Fragen selber beantworten, die ich da in den Raum geworfen haben oder ob ich nicht mal meine Heiligabend-Predigt zuschicken könnte. Da die noch nicht fertig ist, kann ich hier nur unser Konzept anbieten: Heiligabend2011. Vielleicht inspiriert es ja den ein oder anderen.

Wirklich nur Geschmacksache?

Noch einmal ein paar Gedanken zum Thema Musik im Gottesdienst. In unzähligen Diskussionen über die Frage, was denn nun die richtige Musik im Gottesdienst sei, fällt oft die Bemerkung: “Na ja, wir haben halt einen unterschiedlichen Geschmack. Du magst lieber Choräle ich bin mehr der “Worshiptyp”.

Vielleicht bringt es uns aber ein ganzes Stück weiter, wenn wir einsehen, dass es gar nicht nur um den persönlichen Geschmack geht. Gordon McDonald bringt das schön auf den Punkt:

“Jede Genaration schafft eine Art von Musik, die ihre eigene Sicht der Wirklichkeit wiederspiegelt. Sowohl die Musik, als auch die Texte sagen ihnen, wie sie das Leben sehen und was ihnen am wichtigsten ist. Das gilt auch für die christliche Bewegung.”

Oft höre ich von älteren Menschen, dass für sie die neuen Lieder keine echten Inhalte mehr haben. Sie erscheinen ihnen blass im Gegensatz zu dem Musikgut, mit dem sie selber groß geworden sind. Vielleicht sind sie aber gar nicht so inhalstarm, sondern behandeln nur eben Themen, die für Menschen aus anderen Generationen nicht relevant sind. Und wenn Jüngere sagen, dass sie mit den alten Chorälen nichts mehr anfangen können, dann geht es vielleicht auch gar nicht um die Melodien, sondern auch um die Inhalte, die sie einfach nicht mit ihrem Leben in Zusammenhang bringen.

Ein älterer Mensch, dem auch nach Jahrzehnten die Flucht aus Ostpreußen immer noch in den Knochen steckt, wird ganz anders das Lied singen: “Ein feste Burg ist unser Gott.” Jemand in meiner Generation, der noch mit einer mehr oder weniger sozialen Rundumversorgung großt geworden ist, kann da nicht wirklich mitsingen. Dafür werden wir von Titeln bewegt, die von der Vaterliebe Gottes handeln, weil wir in uns eine unglaubliche Sehnsucht nach einem Vater spüren.

Wir sollten uns Zeit nehmen, um uns mehr unsere ganz persönlichen Geschichten zu erzählen, die wir mit “unseren” Lieder verbinden. Das würde uns weiter bringen, als ständig über Stile und Formen zu streiten.

Musik im Gottesdienst

Isaac war unzufrieden. Jedes Mal, wenn er den Gottesdienst verließ. Die gemeinsamen Lieder, die dort gesungen wurden, gingen einfach gar nicht. In seinen Ohren war das alles ein einziger monotoner Krach ohne echte Abwechslung und Farbe.

Er fraß seine Unzufriedenheit nicht in sich hinein, sondern machte sich auf dem Weg zwischen Kirche und Sonntagsbraten immer wieder Luft. Sein Vater hörte zu, geduldig und immer wieder. Bis er schließlich die alles entscheidenden Sätze sagte: “Dann mach es doch eben selber. Fang an und schreibe deine eigenen geistlichen Lieder, so,wie sie dir gefallen und wie du am besten deinen Glauben ausdrücken kannst.”

Genau das tat er. Er zog sich zurück und verbrachte viele Monate damit, Musik für Gottesdienste zu schrieben. Lieder, deren Melodien sein eigenes Herz berührten, in denen er etwas von der Nähe zu seinem Gott spürte. Und er blieb mit seinen Melodien nicht allein. Musiker fingen an, seine Stücke zu spielen. Schnell wurde er bekannt.

Gleichzeitig wuchs auch der Widerstand. Menschen weigerten sich in den Gottesdiensten mitzusingen. Sie vermissten mit einem Mal ihre vertrauten Melodien. Manche Titel waren ihnen einfach zu laut, andere enthielten für sie zu wenig Tiefgang oder eine fragliche Lehre. Manche, bis dahin treuen Gottesdienstbesucher, verließen aus Protest die Veranstaltungen, sobald ein Lied von Isaac gespielt wurde. Andere wandten ihrer Gemeinde ganz den Rücken zu und suchten sich Gottesdienste, wo man “ihre” Musik machte. Und immer wieder und wieder gab es wilde Diskussionen darüber, wie sich  “richtige” Musik im Gottesdienst anhören muss.

Isaac Watts starb 1784 in London und hinterließ uns Lieder, wie “Freue dich Welt” oder “Schau ich zu deinem Kreuze hin”.