Brother in arms

Ich habe gerade nach über 20 (?) Jahren zum ersten Mal wieder „brother in arms“ gehört. Nach wie vor eine ganz große Nummer, die mich begeistert, aber vor allem emotional nach wie vor herausfordert. Ich verbinde damit ein paar Situationen in meinem Leben, die hier nicht hingehören. Als ich vorhin den Titel gehört habe, musste ich aber auch an einige Menschen denken, die wirklich wie Brüder und Schwestern für mich waren. Leider waren, denn es gab in der Zwischenzeit einfach zu viele Gräber, zu viele geschlossene Umzugswagen und verletzende Momente, die unseren Freundschaften die Tiefe genommen haben.

Erstaunlich, wie weh manches davon immer noch tut, selbst wenn Jahre dazwischen liegen. Mag sein, dass die Zeit ein paar Wunden heilt, aber mit Sicherheit nicht alle. Narben gehören zu einem echten Leben einfach dazu und auch das Gefühl von Verlassenheit und Einsamkeit.

Einsamkeit.

Ich weiß nicht mehr, wer das war, aber jemand meinte einmal, dass du letzten Endes im Leben immer alleine bist. So ganz glaube ich ihm das nicht, aber ich weiß ganz sicher eins:

Den letzten Weg, den ich einmal gehen werde, muss ich tatsächlich alleine gehen,
aber dort, wo ich hinkomme, werde ich nicht einsam sein.
Ich werde verbunden sein mit meinen Brüdern und Schwestern,
mit meinem Vater und meiner Mutter,
aber vor allem mit dem Einen,
der sein Leben für mich gab,
damit ich lebe.

Gemeinde

Wenn ihr euch einmal in unterschiedlichen Gemeinden in Deutschland umschaut, dann werdet ihr schnell sehr viel Frust und Angst entdecken.

Viele Gemeinden werden immer kleiner. Manchmal nehmen schlicht und ergreifend die Mitgliederzahlen ab, manchmal schrumpfen die Gottesdienstbesucherzahlen und manchmal sind es auch nur die Zahlen der ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Andere sind davon frustriert, dass nur noch wenig Menschen zum Glauben finden. Echte tiefgehenden Bekehrungen, wie wir das von früher kennen, scheinen eine echte Seltenheit zu werden.

Manche sind darüber frustriert, dass ihre Gemeinde offensichtlich immer weniger Geld hat, weil immer weniger gespendet wird.

Die Volkskirche ist schon lange keine Kirche mehr für das Volk. Wenn es gut läuft, dann noch höchsten für ein bestimmtes Milieu, aber von einem Großteil der Bevölkerung wird sie nicht mehr wahrgenommen.

Die Kirche steht noch im Dorf, aber sie ist verschlossen, weil niemand mehr hingeht.

So ein Bild frustriert.

Es macht Angst und es stellt sich schnell die Frage, wie die Gemeinde Jesu morgen aussieht, wenn es überhaupt ein Morgen gibt.

Vielleicht ist es ja doch dran, auszusterben. Zumindest in Europa.
An dieser Stelle entdecke ich immer wieder einmal Christen, die gerne etwas sagen, das mit „Man müsste einfach nur …“ beginnt.

Man müsste einfach nur mal wieder zur richtigen biblischen Lehre zurückkehren.
Man müsste die Gottesdienste nur mal für Besucher attraktiver machen.
Man müsste seinen Leuten nur endlich mal wieder klar sagen, wo es lang geht.
Man müsste nur mal die Ressourcen, die wir haben, richtig nutzen, unsere Gebäude, die Technik und all das andere.
Man müsste nur mal eine bessere, klarere Leitungstruktur einführen.

Dann, ja, dann wird bestimmt alles wieder gut.

Lasst uns einmal für einen Augenblick ein paar Jahrhunderte zurückschauen.

Im Jahr 100 gab es schätzungsweise in Europa, Asien und Afrika zusammen rund 25.000 Christen. Nur damit wir was mit der Zahl anfangen können: Marburg hat rund 75.000 Einwohner.

Die nächsten 200 Jahre werden für die Gemeinde sehr turbulent sein.

Der Staat wird viel Druck auf die Christen ausüben. Wenn es mal gut läuft, wird man die Gemeinde tolerieren, im schlimmsten Fall wird man sie blutig verfolgen.

Es gibt auch für die nächsten 200 Jahre keine klare, einheitliche und von Irrlehren befreite biblische Lehre. Das Neue Testament wird in dieser Zeit erst entstehen.

Lehren, Irrlehren und irre Lehren werden nebeneinander exsitieren und zum geistlichen Alltag der Gemeinden gehören.

Es gibt keine Kirchen. Man hat ein paar Versamlungsräume gefunden, aber das waren fast immer umgebaute Wohnhäuser.

Es gibt keine theologischen Hochschulen, keine akkreditierten Ausbildungstätten.

Vermutlich gibt es noch nicht einmal einheitlichen Gottesdienst- und Gemeindeordnungen.

Wie hoch würdet ihr die Chance einschätze, dass eine Kirche überleben kann,

die so klein und unbedeutend ist, dass sie kaum ins Gewicht fällt
die vom Staat verfolgt wird
deren Lehre uneinheitlich ist
die sich in ihrer Lehre nur auf einzelne, nicht autorisierte Schriftstücke berufe kann
die noch nicht mal ein richtige Gebäude besitzt
und wo jede einzelne Gemeinde sich selbst organisieren muss

Wie viele Jahre würdet ihr so einer Kirche noch geben?

10, 20, 50 Jahre?

Man schätzt, dass die Zahl der Christen im Jahr 300 auf über eine Million angewachsen ist. Und das, obwohl sich die äußeren Umstände nicht wirklich verändert haben.
Erstaunlich, oder?

Von 25.000 auf 1 Million gewachsen in nur 200 Jahren.

Was haben sie angestellt, dass sie zahlenmäßig so explodiert sind?

Es waren nicht die äußeren Umstände, denn die waren katastrophal
Es war nicht ihre Bibeltreue, denn es gab keine Bibel

Offen gesagt habe ich auf die Frage, was sie damals gemacht haben, noch keine wirkliche Antwort. Ich habe ein paar Vermutungen, aber mehr auch nicht.

Was ich aber weiß dass ist das hier: In der Gemeinde Jesus wirkte damals offensichtlich eine gewaltige Kraft. Eine Kraft, die in einer schwachen Bewegung mit durchschnittlichen Menschen sehr mächtig war.

Eine Kraft, an der sichtbar wird, dass Gemeinde kein Verein von religiös Interessierten ist, sondern Leib Christi.

Und das ist auch der Grund, warum ich mich weigere, resigniert auf die Gemeinde Jesu in der Gegenwart zu schauen.

Ich weigere mich zu denken, dass wir in Europa vom Aussterben bedroht sind.

Ich weigere mich, in das Lied derer einzustimmen, die davon überzeugt sind, dass es mit uns immer nur schlimmer werden und immer weiter bergab gehen wird.

Weil ich davon überzeigt bin, dass Jesus nach wie vor in und durch seine Gemeinde wirken will und wirken wird.

Darum sehe ich es auch als richtig an, hier zu träumen.

Davon, dass wir uns wieder und wieder neu dieser ursprünglichen Kraft Gottes aussetzen und uns wirklich nur von Jesus abhängig machen und nicht von Gebäuden, den richtigen Veranstaltungen oder vom Geld.

Ich träume davon, dass wir uns niemals von den äußeren Umständen beeindrucken lassen, weil wir darauf vertrauen, dass Jesus tatsächlich der Herr ist.

Ich träume davon, dass durch uns Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen, sie in ihren Seelen gesund und zu Menschen werden, die mit ihrem Leben und ihren Worten anfangen Gott zu ehren.