Wirklich nur Geschmacksache?

Noch einmal ein paar Gedanken zum Thema Musik im Gottesdienst. In unzähligen Diskussionen über die Frage, was denn nun die richtige Musik im Gottesdienst sei, fällt oft die Bemerkung: “Na ja, wir haben halt einen unterschiedlichen Geschmack. Du magst lieber Choräle ich bin mehr der “Worshiptyp”.

Vielleicht bringt es uns aber ein ganzes Stück weiter, wenn wir einsehen, dass es gar nicht nur um den persönlichen Geschmack geht. Gordon McDonald bringt das schön auf den Punkt:

“Jede Genaration schafft eine Art von Musik, die ihre eigene Sicht der Wirklichkeit wiederspiegelt. Sowohl die Musik, als auch die Texte sagen ihnen, wie sie das Leben sehen und was ihnen am wichtigsten ist. Das gilt auch für die christliche Bewegung.”

Oft höre ich von älteren Menschen, dass für sie die neuen Lieder keine echten Inhalte mehr haben. Sie erscheinen ihnen blass im Gegensatz zu dem Musikgut, mit dem sie selber groß geworden sind. Vielleicht sind sie aber gar nicht so inhalstarm, sondern behandeln nur eben Themen, die für Menschen aus anderen Generationen nicht relevant sind. Und wenn Jüngere sagen, dass sie mit den alten Chorälen nichts mehr anfangen können, dann geht es vielleicht auch gar nicht um die Melodien, sondern auch um die Inhalte, die sie einfach nicht mit ihrem Leben in Zusammenhang bringen.

Ein älterer Mensch, dem auch nach Jahrzehnten die Flucht aus Ostpreußen immer noch in den Knochen steckt, wird ganz anders das Lied singen: “Ein feste Burg ist unser Gott.” Jemand in meiner Generation, der noch mit einer mehr oder weniger sozialen Rundumversorgung großt geworden ist, kann da nicht wirklich mitsingen. Dafür werden wir von Titeln bewegt, die von der Vaterliebe Gottes handeln, weil wir in uns eine unglaubliche Sehnsucht nach einem Vater spüren.

Wir sollten uns Zeit nehmen, um uns mehr unsere ganz persönlichen Geschichten zu erzählen, die wir mit “unseren” Lieder verbinden. Das würde uns weiter bringen, als ständig über Stile und Formen zu streiten.

Musik im Gottesdienst

Isaac war unzufrieden. Jedes Mal, wenn er den Gottesdienst verließ. Die gemeinsamen Lieder, die dort gesungen wurden, gingen einfach gar nicht. In seinen Ohren war das alles ein einziger monotoner Krach ohne echte Abwechslung und Farbe.

Er fraß seine Unzufriedenheit nicht in sich hinein, sondern machte sich auf dem Weg zwischen Kirche und Sonntagsbraten immer wieder Luft. Sein Vater hörte zu, geduldig und immer wieder. Bis er schließlich die alles entscheidenden Sätze sagte: “Dann mach es doch eben selber. Fang an und schreibe deine eigenen geistlichen Lieder, so,wie sie dir gefallen und wie du am besten deinen Glauben ausdrücken kannst.”

Genau das tat er. Er zog sich zurück und verbrachte viele Monate damit, Musik für Gottesdienste zu schrieben. Lieder, deren Melodien sein eigenes Herz berührten, in denen er etwas von der Nähe zu seinem Gott spürte. Und er blieb mit seinen Melodien nicht allein. Musiker fingen an, seine Stücke zu spielen. Schnell wurde er bekannt.

Gleichzeitig wuchs auch der Widerstand. Menschen weigerten sich in den Gottesdiensten mitzusingen. Sie vermissten mit einem Mal ihre vertrauten Melodien. Manche Titel waren ihnen einfach zu laut, andere enthielten für sie zu wenig Tiefgang oder eine fragliche Lehre. Manche, bis dahin treuen Gottesdienstbesucher, verließen aus Protest die Veranstaltungen, sobald ein Lied von Isaac gespielt wurde. Andere wandten ihrer Gemeinde ganz den Rücken zu und suchten sich Gottesdienste, wo man “ihre” Musik machte. Und immer wieder und wieder gab es wilde Diskussionen darüber, wie sich  “richtige” Musik im Gottesdienst anhören muss.

Isaac Watts starb 1784 in London und hinterließ uns Lieder, wie “Freue dich Welt” oder “Schau ich zu deinem Kreuze hin”.