Neubelebung von Gemeinden oder: Welche Geschichte erzählt ihr eigentlich?

Im Marketing gibt es eine wichtige Frage, wenn es darum geht, herauszufinden, wie gut ein Produkt auf dem Markt platziert ist. Es geht um die Geschichte, die erzählt wird, wenn jemand an diese Marke denkt.
Die Lila Kuh von Milka erzählt uns die Geschichte von Gemütlichkeit und einem glücklichen Leben auf dem Land mit einer guten Portion Verrücktheit (Hallo? Die Kuh ist lila!). Audi erzählt uns, wie sich ein Leben hart am Limit anfühlt und dabei trotzdem extrem sicher und bequem ist. Die Bahn … nun ja, da ist es eher eine etwas traurige Geschichte die wir von ihr kennen. Die Geschichte von überfüllten Abteilen, ausgefallenen Klimaanlagen und viel zu spät kommenden Zügen. Denn die Geschichten, die uns ein Produkt erzählt, das ist nicht einfach nur das, was uns in der Werbung über das Produkt erzählt wird. Es geht auch darum, wie es im echten Leben erlebt wird. Und Realität schlägt immer die Werbung. Das heißt: Wenn für viele Leute ein Produkt echter Mist ist, dann ist es auch Mist, auch wenn die Werbung uns bunte Blumenwiesen verkaufen will.

Als Pastor und Berater frage ich mich: Welche Geschichte erzählt eine Gemeinde in ihrer Nachbarschaft? Worüber redet man, wenn irgendwo zwischen Bier und Bratwurst sich plötzlich einmal das Gespräch um die Kirche am Ende der Straße dreht? Das können manchmal sehr schön oder auch sehr schräge Geschichten sein. Übrigens, auch wenn es keine Geschichten gibt, ist das eine Geschichte. Nämlich die traurige Geschichte von der Gemeinde, die es in den Köpfen ihrer Nachbarn gar nicht gibt. Da können die, die am Sonntag dort Gottesdienste feiern, noch so begeistert von ihrem „Produkt“ sein.

Vor einigen Tagen habe ich hautnah erlebt, wie es sich anfühlt, wenn mit einem Mal eine neue Geschichte erzählt wird. Ich begleite seit ein paar Monaten eine Gemeinde in der Nähe von Marburg. Vor einigen Jahrzehnten war sie eine echte Größe im Dorf, aber in den letzten Jahren ist von diesem Glanz nicht mehr viel übriggeblieben. Ihre Geschichte? Vielleicht hörte sie sich in etwas so an: Bei uns im Dorf gehen schon immer weniger in die „richtige Kirche“. Die ist schon nur was für Alte. Warum sollten wir jetzt in diese andere gehen? Irgendwie ist die komisch, klein, im Hinterhof.“
Und dann passierte letzte Woche etwas Spannendes. Diese kleine Gemeinde veranstaltete eine Legowoche. Vier Tage hintereinander bauten Kinder aus dem Dorf und der Umgebung zusammen aus 200.000 Legosteinen eine kleine Legostadt zusammen. Rund 40 Kinder kamen jeden Tag und strahlten über das ganze Gesicht. Es gab Kuchen, Getränke und Legosteine bis zum Abwinken. Einige redeten den ganzen Tag davon, dass es am Nachmittag endlich weitergeht. Die Eltern setzen ihre Kinder nicht nur am Straßenrand aus, sondern kamen mit, redeten mit den Mitarbeitern und waren unendlich dankbar für das Angebot.

Jetzt ist diese Gemeinde in den Köpfen vieler Kids die coole Gemeinde, wo sie mal ein paar richtig gute Tage erlebt haben. Auch solche Geschichten breiten sich im Dorf aus und schreiben die Geschichte neu. Neubelebung braucht Zeit, aber ist vielleicht gar nicht so schwer.