Wortlos unter dem Baum

Wie reden wir über eine grandiose Nachricht, wenn viele es längst wissen, andere nicht zuhören und ein paar etwas Besseres zu tun haben, als sich darum zu kümmern? Das ist meine Frage, die ich seit ein paar Tagen mit mir herumschleppe. Richtig, es geht um Weihnachten, genauer, um den Gottesdienst an Heiligabend.

Ich kenne ein paar Jungs, die Jahr für Jahr über die Geburt Jesu predigen und so langsam am Rand ihrer Möglichkeiten ankommen. In den ersten Jahren ihres Pastorendaseins haben sie einfach die biblischen Texte ausgelegt, um dann die Weihnachtsgeschichte aus der Perspektive von allen möglichen Personen zu beschreiben: Josef, Maria, den Hirte und den Schafen. Ich erinnere mich an eine Predigt, in der mir die Geburt Jesu aus der Sicht eines Querbalkens im Stall geschildert wurde, der dann später auf Golgatha wieder aufgekreuzt ist. Cool, oder? Ich fand das sehr kreaktiv, nicht nur, weil ich an diesem Abend gelernt habe, das Holz nicht nur arbeitet, sondern darüber hinaus auch denken und sprechen kann. Vor allem aber, weil in der ganzen Weihnachtsgeschichte gar kein Stall vorkommt. Beliebt sind auch die weisen Männer aus dem Morgenland. Die klingelten tatsächlich zwar erst mindestens ein paar Tage nach Weihnachten bei der heiligen Familie an, aber wen stört schon ein wenig historische Unschärfe, wenn eine Weihnachtspredigt her muss? Ausserdem machen die sich im nichtvorkommenden Stall auch viel besser.

Sehr beliebt sind auch Themen, wie Weltfriede und Wirtschaftskrise (mal Hand hoch, wer will das wirklich am 24.12. noch hören?) oder auch einen Monolog darüber, was andere Menschen gerade zu Weihnachten alles falsch machen, wenn sie sich in den Kaufrausch stürzen oder sich in eine Massenvernichtungswaffe für Alkohol verwandeln. Auch das ist langweilig geworden und hat nicht wirklich was mit einer guten Nachricht zu tun, aber so eine Predigt schreibt sich schnell, denn dazu kann man viel sagen.

Ich habe den Eindruck, es wird nicht leichter über die Geburt Jesu zu predigen. In meiner Kindheit war klar, worum es im Heiligabendgottesdienst geht und dass die Predigt ruhig 30 Minuten lang davon handeln konnte, was wir alle schon wussten. Wir kamen im nächsten Jahr wieder, langweilten uns wieder ein wenig, ließen uns das nicht anmerken und nahmen ein paar gute Gedanken mit nach Hause. Mach das heute mal. Entweder diskutiert dann dein Leitungsteam das, was in der Kirche passiert ist, mit dir nach der Kirche noch mal hinter der Kirche oder es kommt im kommenden Jahr einfach niemand mehr.
Dann ist da noch der unglaubliche Druck, den viele Gottesdienstbesucher mitbringen: „Hoffentlich klappt das alles mit dem Essen und den Geschenken.“ „Hoffentlich hat Onkel Erwin den Satz nicht zu wörtlich gemeint: „Geht ihr schon mal in den Gottesdienst. Ich bleib hier, bewache die Gans und trink mir dabei das Christkind schön.““ „Wäre schön, wenn ich heute Abend nicht alleine wäre und es wäre auch schön, wenn das Kind vor mir einfach mal ruhig sitzen bliebe.“

Wie holt man Menschen ab und schenkt ihnen ein wenig Ruhe, Tiefgang und Besinnung, wenn ihr Kopf voll ist und alles in ihnen schreit: „Beeil dich. Ich will hier raus“?
Ich habe vor einigen Tagen den Vorschlag gelesen, Jesus einfach aus dem Weihnachtsfest rauszunehmen. Also Weihnachten tatsächlich als ein Geschenke-, Familien- und Partyfest zu nehmen. Klingt komisch und es wäre sicherlich auch dumm, es zu tun und doch hätte es einen gewissen Reiz. Wir könnten seinen Geburtstag einfach im Kreise seiner Angehörigen und ein paar interessierten Freunden im Sommer nachholen. Ganz ohne Druck, ganz ohne das Gefühl, es wirklich allen recht machen und dabei auch noch fromme Gefühle haben zu müssen.

Seit einigen Tagen diskutieren wir sehr offen im Team über die Frage, wie unser Heiligabendgottesdienst aussehen wird. Auch wenn ich hier noch nicht zu viel verraten will: Es wird sehr schlicht, ohne Knalleffekte und doch anders als in den letzten Jahren. Wir werden nichts Neues sagen, aber vielleicht schaffen wir es doch, mal neu hinzuhören, auch wenn schon alles scheinbar gesagt wurde.
Ich möchte einfach nur beim zentralen Thema bleiben: Gott wurde in Jesus Mensch für uns. Das steckt nach 2000 Jahren noch genug Potential drin, um unsere Herzen zum Explodieren zu bringen. Denn es geht um die Liebe eines Vaters zu seinen Kindern, die mit Vernunft nicht zu fassen ist.

Die Weihnachtsbotschaft bleibt – so wie sie ist – faszinierend.